Kevin Klischee und Andere

Kevin darf endlich nach Hause! Der kleine Kevin (6), der im Småland 458247_original_R_by_D. Braun_pixelio.devergessen, und nach 2 Wochen von Mutter Jaqueline (19) abgeholt wurde. So was lässt das Volk jubeln, ein Happy End. Diesen Artikel habe ich mir ausgedacht, es gab ihn nicht wirklich, jedenfalls hoffe ich dies. Tut man Kevin und Jaqueline einen Gefallen damit? Oder werden sie bloßgestellt? Ich gebe zu, mich in dem Beispiel mehr Klischees und Vorurteilen zu bedienen als Wörtern. Aber ich selbst gehöre einer Minderheit an, über die auch gerne zwischendurch mal berichtet wird, nur subtiler. Hier sehe ich persönlich auch Gefahren. Oftmals ist „gut gemeint“ nicht „gut gemacht“.

Wie macht man auf Diskriminierung aufmerksam? Ist es bösartig oder doch nur unbewusst? Kann man es besser wissen, wenn man nicht betroffen ist? Dieser Ball lässt sich zurückschlagen. Hab ich denn was gesagt? Man ist als behinderter Mensch froh, dass über einen überhaupt berichtet wird. Wäre das wirklich eine sinnvolle Alternative, es komplett sein zu lassen? Ich glaube nicht, so in meiner Situation. Wer weiß, ob dieses Vorgehen nicht hervorgerufen hat, dass man jetzt als Behinderter in der Welt, speziell auch in der Presse, eine angenehme Identität vergebens sucht.

Würde man es heutzutage noch wagen, einen Artikel über das Mutterdasein zu schreiben, würden alle Frauen (unter anderem auch ich, aber das interessiert ja keinen) mit Keulen auf die Steinzeitmännchen eindreschen. Also wieso darf man Behinderte über „behindert“ definieren? Was ich damit sagen will, so werden Klischees bedient, am Leben gehalten und ausgereift. Ich möchte jedoch kein Klischee sein, und das bin ich wirklich nicht. Ich habe Verantwortung für mich, meinen Sohn und mein Assistenzteam. Ohne Planung, Struktur und Optimierung ist dies alles nicht zu meistern. Vielleicht kommt es dem einen oder anderen so vor, als ob ich, bei dem Versuch diesem Klischee nicht entsprechen zu wollen, einem anderen Klischee entspreche. Aber wenn es so ist, warum kommt es mir steinzeitlich vor, wie das tapfere Opfer Tag für Tag mit seiner Behinderung ringt? Stellt man den Satz um, könnte man auch sagen, wegen der Behinderung muss das Opfer tapfer um sein Ansehen in der Gesellschaft ringen. Ist das ein falsches Verständnis von Empathie? Fürchtet man eine Ansteckung? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich ausgeschlossen, trotz offensichtlicher Versuche, fühle ich mich dennoch nicht ernst genommen.

Als Normalsterblicher ist man nie bei den Geschehnissen dabei, die die Welt bewegen. Man muss darauf vertrauen können, dass die Information, die man erhält, die Wirklichkeit wiedergibt. In Artikeln über Behinderte wird aber nicht die Wirklichkeit wiedergegeben, sondern Angst gemacht. Vielleicht weniger vor den Behinderten selbst, denn mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Behinderter jemanden angefallen hat wie ein kläffender Chiwawa. Ich denke eher, dass es die Behinderung selbst ist. Wenn man aber Menschen hätte, die die Allgemeinheit erreichen, studiert genug sind, es zu formulieren … könnte man den Menschen da draußen nicht verständlich machen, dass es nicht schlimm ist, behindert zu sein?

Dabei sehe ich die Rolle der Medien zur Zeit als wirksamer als die der Politik. Sicher, Gesetze sind ein wichtiger Anhaltspunkt, dennoch gehe ich davon aus, dass sie sich entwickeln würden, wenn das Bewusstsein dafür geschaffen wäre. Aber Gesetze sind ohne Bewusstsein nicht dasselbe wert.

Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Austausch. Vielleicht, und das ist jetzt ein ganz verrückter Ansatz, mit Behinderten berichten und nicht nur über sie richten. In der Zukunft erwarte ich eine kompromisslose Gleichstellung und Gleichnehmung von Menschen mit Behinderung. Die Frage ist nur, wer fängt an und jetzt?

(Foto: D. Braun  / pixelio.de)

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2 Gedanken zu „Kevin Klischee und Andere

  1. Pingback: Erinnerung | ;Das denke ich… Elwira Szyca

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