Bilker Odyssee

Bilker O1Tag einer Prüfung. Weil das Leben nach einer Prüfung weitergeht, habe ich in meiner Naivität auch die Zeit nach der Prüfung verplant. Und das war das Tolle daran, dass ein Prüfungstag sicher nervenaufreibender ist, aber er ist auch kürzer. Und wenn man sowieso schon im Schiebe-rollstuhl sitzt, dann kann man auch die Gelegenheit nutzen, eine schöne Stadtrundfahrt mit der Straßenbahn zu machen, auf die ich gerne üblicherweise verzichte oder verzichten muss, da der elektrische Rollstuhl bei der Konstellation von Abstand und Höhe an Straßenbahnen streikt.

Die Unternehmung sollte dem Zwecke dienen, sich endlich einen Second Hand Laden in Bilk anzuschauen, den ich bei „Shopping Queen“ gesehen hatte. Ich hatte das so schön rausgesucht; man sollte erstmal mit der 709 zu Bilker Kirche und dann mit der 708 bis zu einer anderen Haltestelle fahren.

Die Prüfung hatte ich überraschenderweise überstanden und brach auf, um weitere Ecken Düsseldorfs zu erforschen. Außerdem habe ich nichts mehr anzuziehen, da in meinen 4 Kleiderschränken subjektive Textilebbe herrscht. Mein Optimismus konnte auch nicht trügen, dass meine Assistentin berichtete, es gab Beschwerden, dass ich nur, weil ich im Rollstuhl sitze, eine Zeitverlängerung für die Prüfung bekam. Ich gebe zu, es ist hart und schwer, nicht nur das, sondern auch dass sich meine Finger unabhängig von mir in alle Himmelsrichtungen verbiegen können. Weiter gebe ich zu, dass ich seinerzeit die Wahl hatte zwischen dem Zehn-Finger-System und den verkrüppelten Fingern. Ich fand das letztere individueller. Spas-mus sein, halt.

An diesem Tag gab es auch neue Erkenntnisse im Bereich der Wortstämme. Ich weiß jetzt, warum Stadtrundfahrt Rundfahrt heißt. Wenn man nämlich am Bahnhof (ich hoffe, das artet nicht in einer Stoiber-Adoption aus, aber ich tue mein Bestes) losfährt, dann kommt man irgendwann zur Kö, zum Landtag und dafür hätte man die Straßenbahn gar nicht gebraucht. Nach zig Kurven später kam die Bilker Kirche. Da fiel mir auch auf, dass die 708 vom Bahnhof fährt. Hier vielen Dank an die Fahrplanauskunft. Wobei mir das Lachen vergangen ist, ist, dass es um die Bilker Kirche herum keine Haltestellen direkt an der Straßenbahn gibt. Die Bahn hält unmittelbar auf der Straße. Assistenz hin oder her, es mussten zig Leute beim Aussteigen helfen. Der Tag war für mich gelaufen, denn mir war klar, dass man hier auf jeden Fall nicht mehr einsteigen könnte.

Aber wenn man schon mal da ist, wär es zusätzlich blöd gewesen, wenn man nicht den Laden aufgesucht hätte. Leider hatte dieser zwei Stufen, nicht eine, wie ich gedacht habe. Hier vielen Dank an meine eigene Recherche, denn es lag nicht am Foto, da sind zwei Stufen zu sehen. Also blieb ich draußen, anbinden musste man mich Gott sei Dank nicht. Als ich meiner Assistentin erklärt habe, wonach sie in dem Laden suchen soll, kam eine Frau auf uns zu, fragte was WIR denn suchen würden. Ich meinte, nichts bestimmtes, ich wollte nur gucken. Daraufhin hatte sie aus welchem Grund auch immer, das Bedürfnis gehabt und dem auch nachgegeben, der Assistentin zu erklären, wo noch so ein Laden wäre wie dieser und da würde man sogar reinkommen, da er ebenerdig sei. Ich weiß, sie hat es nur gut gemeint, wie auch viele vor ihr und wie auch viele nach ihr… Und ich sitze immer wieder da und denke darüber nach, mit welcher gut gemeinten Begründung man erklärt, warum man gerade so jemanden ohrfeigt.

Ich weiß nicht, ob es an den Sachen lag, es war mir nicht möglich, etwas zu finden, was meine Laune gesteigert hätte. Weil ich mich vor dem Rückweg scheute, ging ich doch in den zuvor empfohlenen Laden. Die Tür war ebenerdig, der Zugang zum Laden nicht.
Hoffentlich ist diese Frau in keinem Bauausschuss, aber es würde einiges erklären. Wieder eine Errungenschaft für die „Das-sollte-man-wissen-Rubrik“, Second Hand kann auch teuer. Aber da war er, ein pastellblauer Rock aus Spitze und ich war verliebt. Nach einigem Hin und Her, „er ist so schön“, aber „er ist so teuer“, aber „er ist so schön“, wurde er mit feuchten Augen über die Kartenzahlung finanziert.

StraßenbahnDJetzt musste ich nur nach Hause kommen, oder in die Altstadt, oder zum Bahnhof, oder irgendwohin, von wo aus ich weiß, wie ich nach Hause komme. Die Straßenbahn hatte sich erledigt, es blieb der Bus. Als er dann kam, war ich dankbar an diesem denkwürdigen Tag im Schieberollstuhl zu sitzen, denn er hatte keine Rampe. Was trotzdem eine günstige Alternative zur Straßenbahn ist, die gefühlte 30 Zentimeter hoch ist. Bis ich drin war, quetschte sich eine ältere Frau mit Rollator an mir vorbei, so dass kaum noch Platz war und ich hätte fast schon eine halbe Stunde länger warten müssen. Gott sei Dank konnte man sie davon überzeugen, dass man den Rollator auch 10 Zentimeter zur Seite schieben könnte. Und jetzt kommt es, bereits an der nächsten Haltestelle musste sie raus und quetschte sich wieder an mir vorbei. Nur ein Narr denkt, dass es vielleicht günstiger wäre vorher zu fragen, wohin ich denn will, während es sich bei ihr nur um eine Haltestelle handelt. Was sagt das über eine Gesellschaft aus, wenn Menschen eine Ellbogen-Mentalität entwickeln, die sie gar nicht richtig heben können.

Später habe ich mich zusätzlich mit einer Pizza belohnt. Und auch hier erwartete mich eine Enttäuschung. Der Rechnungsbetrag wurde mir weder erlassen noch hat ihn meine Assistentin übernommen. Kann man nicht eine Diskriminierungsvariante entwickeln von der ich auch mal was habe? Denn nach meiner Meinung wurde auch hier nicht gefragt.

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4 Gedanken zu „Bilker Odyssee

  1. Pingback: Erinnerung | ;Das denke ich… Elwira Szyca

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