Selbstverständlichkeiten

SONY DSC1994. Ich bin mitten in der Pupertät, oder auch nicht. Schließlich gibt es kein Datum dafür. Wär aber besser. Man könnte rechtzeitig ein Visum beantragen, den Adoptionsantrag ausfüllen und weitere Schutzmaßnahmen aller Beteiligten einleiten. Merkt man, dass ich mich jetzt schon freue? Zu jener Zeit ist Jon Bon Jovi ganz toll. Ich weiß nicht wie er jetzt aussieht, aber damals war er ganz toll. Besonders sein knackiger Hintern. So hörte ich, leider sah ich das selbst nicht. Muss man das überhaupt mit 13 schon sehen? Ich hätte mir eine mathematische Formel gewünscht. Eine mit der man, mitreden und, auch wenn man keine Ahnung hat, den richtigen Hintern im pupertären Massenzwang als knackig deklarieren kann. Ich weiß nicht, wann diese existentielle Gabe über mich kam, aber plötzlich war sie da. Leider verließ mich dafür die Faszination für mathematische Formeln. Stellt sich jetzt die Frage, was ist wichtiger? Auf jeden Fall ist eins davon schöner. Ein Hoch auf die Mathematik und was hätte aus mir werden können, wenn es diese gewesen wäre.

Es lag an meiner Erziehung, dass ich die sexuell interessierte Elite nicht angeführt habe. Nicht, wie man meinen könnte, an der Behinderung. Die Behinderung war für ein anderes Phänomen verantwortlich. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, als ich gefragt wurde, ob ich schon einen Freund habe. Fragte mich wiederum, ob das jetzt gehässig gemeint ist? Man könnte ja erahnen, dass es angesichts der Situation nicht sehr wahrscheinlich ist. Wenn man aber nicht gefragt wurde, fand man es auch nicht schön. Ist es so unwahrscheinlich, dass man keinen Partner hat, nur weil man behindert ist? Egal in welchem Alter. Bis heute mit meinen 32 Lenzen habe ich immer noch den Eindruck, dass es unvorstellbar wirkt auch mit einer Behinderung eine Sexualität zu haben. Jetzt bin ich ja in einer Luxussituation. Ich muss es mir nicht mehr beweisen und anderen beweist es sich von selbst. Ist es Arroganz? Nein, Selbstverständlichkeit. Zumindestens sollte es so sein. Apropos Selbsverständlichkeit. Massenkarambolage in meinem Gesicht, als mich jemand mal selbstverständlich duzend gefragt hat, ob mein Sohn adoptiert sei. Soll ich mich freuen, dass ich mit jemandem sprach, der liberal genug war zu glauben, behinderte alleinstehende Frauen könnten adoptieren? Für das Verständnis: Die Person sah mir nicht liberal aus. Etwas erfreuliches gab es doch. Die Erkenntnis, dass mein Sohn im Krankenhaus nicht vertauscht wurde.Wenn etwas seltsam ist, guckt er debil wie ich.

Ich weiß bis heute nicht, was für Aktionen oder Reaktionen ich damals als ideal empfunden hätte. Vielleicht ist es auch, dass die Erwachsenen nie das Richtige sagen, wenn man selbst in der Pupertät ist. Heute bin ich nicht minder sprachlos. Wie kommt man auf die Idee, Behinderten die Sexualität abzusprechen? Ist sie nicht ein Instinkt als Basis des Lebens, also Selbstverständlichkeit?

(Foto: Franziska Kleinschmidt  / pixelio.de)

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3 Gedanken zu „Selbstverständlichkeiten

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