Reifen der Eitelkeiten

SAMSUNG CAMERA PICTURESWie ein Korsett. Den Einen stützt es, den Anderen engt es ein. Der Eine fühlt sich wohl, dem Anderen schnürt es die Luft ab. Im Grunde lässt sich das Beispiel gut auf andere Hilfestellungen übertragen. Ich bin äußerst dankbar für meinen Rollstuhl, aber wenn ich das Konzept von Versorgung genau betrachte, dann ist es zu wenig flexibel und erwartet zu wenig Eigeninitiative von mir. Und mit der Zeit hat sich das, wie schon mal erwähnt, so entwickelt, dass, wenn mein Rollstuhl kaputt ist, ich die Vorgabe von meiner Krankenkasse habe, die alles für mich bezahlt, organisiert usw., bei welchem Sanitätshaus ich meinen Rollstuhl reparieren lassen darf, kann, soll, wie auch immer.

Ich will jetzt nicht mal wieder Reden schwingen zum Thema verzerrter Wettbewerb, aber was bedeutet das genau für mich als Betroffene? Ja, jetzt könnte man meinen, ich hätte einen Ansprechpartner, der mich kennt, zu dem ich Vertrauen aufbauen kann, blabla, aber ich habe keine Möglichkeit, die Leistung als solche zu vergleichen. Ich weiß, ich hatte noch den Satz zuvor erwähnt, nichts zum Thema Monopole. Nein, was ich versuche, ist, die eitle Ebene der Problematik zu beschreiben. Ich weiß gar nicht, darf man, wenn man in einem Rollstuhl sitzt, überhaupt eitel sein? Der eine oder andere wird sicher sagen, „klar“, aber es werden auch sicher welche darunter sein, die sagen, ich hätte zu hohe Ansprüche. Jetzt ist es vielleicht so, dass meine Vorstellungen in anderen Sphären schwelgen. Vielleicht sind sie einfach nur verfrüht. Vielleicht ist Optimismus auch nur der Mangel an Realismus.

Egal, ob ich es darf, ob ich es muss oder ob es normal ist, Tatsache ist, wenn ich an einem Spiegel vorbeifahre, merke ich, dass ich eitel bin. Ich hatte schon von pannensicheren Reifen geschrieben, die ich letztens bekommen habe. Und ich muss sagen, der Rollstuhl fährt jetzt wirklich richtig gut. Vielleicht ist die Reibung geringer. Vielleicht hätte ich nur die Luftreifen zwischendurch mal aufpumpen lassen sollen. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich hätte besser in Physik aufpassen sollen. Ich hoffe, es kommt niemand mal auf die Idee durch den Blog zu gehen und nachvollziehen zu wollen, in welchen Schulfächern ich behaupte Ahnung zu haben. Fahrstil sehr gut, Aussehen naja. Plötzlich habe ich auch neue Räder, aber der Rollstuhl ist schwarz und meine Räder sind silber. Sehr bemüht, Aufmerksamkeit zu erregen, dabei ist das Gute an meinem Rollstuhl und seiner Farbe, dass sie dies nicht versuchen. Und bei einem zeitlosen eleganten Schwarz kann ich auch anziehen, was ich will. Vielleicht ist das auch schon zu viel erwartet, aber für mich muss ein Rollstuhl untergehen, damit ICH wahrgenommen werde. Kann man das da draußen verstehen? Ich versuch es noch bildlicher zu machen: Man stelle sich als Frau vor, man wäre aus irgendwelchen Gründen gezwungen, wie eine Comicfigur, immer dieselben Schuhe an zu haben. Die hätte man sicher nicht gerne in hochmetallic-pink. Und egal, was man dazu anzieht, entweder es kann sich nur unterordnen oder anpassen, ansonsten steht es in Konkurrenz. Nur mal so nebenbei, auch wenn man es nicht nachvollziehen kann, durch die andere Farbe könnte man sich fast fragen, wer jetzt ohne Räder rumsteht.

Ist es so schlimm, dass ich mir gewünscht hätte, gefragt zu werden? Schwarz wäre ja nichts individuelles. Ich hätte gerne sogar den einen oder anderen Euro draufgezahlt. Bei einer Brille habe ich ja auch die Möglichkeit. Aber die Option hatte ich gar nicht erst. Muss ich wirklich nur zufrieden sein mit dem was ich bekomme? Dabei hatte ich, als ich noch keine pannensicheren Reifen hatte, die Vision, wie die Frau in „Charmed“. Ungefähr so sieht das auch wirklich aus, wenn man eine spontane Spastik hat; wie die, wenn sie was anfasst. Ungünstig, wenn man dabei ein Glas in der Hand hält. Aber ich wollte eigentlich was anderes erzählen. Zu meiner Vision: ich würde mir wünschen, dass ich die Möglichkeit habe, wenn so etwas lapidares wie ein platter Reifen zu reparieren ist, dass ich den Mechaniker Manfred aus der Autowerkstatt um die Ecke anrufen kann und der kommt dann vorbei, repariert es, gibt mir ne Quittung, Ende der Leidensgeschichte. Wäre das wirklich soviel umständlicher für eine Krankenkasse? Es wäre sicher günstiger. Und die Reifen sind nur eine Idee. Die Argumentation, er hätte nicht die richtigen Reifen, würde nicht gelten, wenn ich die Möglichkeit hätte, mir die Reifen bei Amazon oder anderen zu bestellen. Ich hätte gerne diese Möglichkeit gehabt, in der Autowerkstatt um die Ecke kannte man mich schon. Jedes Mal, wenn mein Rollstuhl aus der Reparatur kam, brauchte er Luft. Dafür scheint es wohl keine Pauschale mit der Krankenkasse gegeben zu haben.

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