Sehen und gesehen werden

DSC_3975DEigentlich heisst es ja: „Juhu, ich bin im Fernsehen“. Stimmt nicht, zumindest nicht grade. Ich bin in der Zeitung. Vielleicht mach ich es mir manchmal komplizierter als es ist, aber… vielleicht bin ich nur undankbar. Als ich dass Foto zu dem Artikel über mich in der Rheinischen Post (http://www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/manchmal-bin-ich-die-behinderung-leid-aid-1.4407051) gesehen habe, war ich erst geschockt, dann sauer, dann habe ich das ganze bereut und zum Schluss habe ich angefangen zu weinen und das nicht zu knapp. Und sogar danach noch besser ausgesehn als auf dem Foto. Ich habe nie behauptet, uneitel zu sein, und dass man sich selbst hübscher findet als man ist, ist auch klar, aber das war dann wohl doch zuviel für mich.

Ein gutes hat es ja, jetzt ist das Foto im Express nicht mehr ganz so schlimm. Dadurch kann man sich mittlerweile damit abfinden. Das heißt noch lange nicht, dass es ideal ist. Wenn also jeder sich auf Fotos hässlich findet, dann ist das normal, aber die Frage ist: Ich sehe die Fotos immer im Nachhinein und daher kann ich nicht beurteilen, ob es wirklich das beste Foto ist und ich niemandem Vorwürfe machen kann oder ob man den Verantwortlichen unterstellen kann, absichtlich ein Foto gewählt zu haben, das unvorteilhaft ist. Doppelkinn hin oder her, als Fotograf sollte man Vor- und Nachteile der Perspektiven kennen, schließlich ist es mir als Laie auch gelungen, vernünftige Fotos für meinen Blog zu machen. Zurück zur Frage: Wollte man hier für den Artikel ein unvorteilhaftes Foto? Um Aufmerksamkeit zu erregen oder weil ein Artikel über einen Behinderten ohne ein Foto von einem Behinderten nicht funktioniert? Und umso behinderter, desto besser.

Erreicht man nur so seine Auflage? Meine Gefühle sind jetzt verletzt. Ich frage mich, wie das im Bezug auf den Bürgermeister wirkt. Ehrlich, so jemanden hätte ich nicht eingestellt. Wieso denn auch, Kompetenz strahlt diese Person nicht aus. Also hat man mich nur eingestellt, damit man selbst in die Zeitung kommt? Soll das das Signal sein, von dem die Rede ist? Entschuldigung, aber so habe ich es verstanden. Was heisst das für meinen Sohn, so eine Mutter zu haben? Was heisst das für seinen Vater, mit so jemandem ein Kind zu haben? Das tut mir alles mehr leid als es meine Behinderung jemals tun könnte.Und verwirrt bin ich auch. Ich hatte in Erinnerung, soviel wichtiges gesagt zu haben und jetzt lese ich als Kernessenz des Ganzen, dass ich mir mit der Behinderung leid tue. Dabei war es mir so wichtig, ein neues Bild von mir zu zeigen und von meinen Bedürfnissen und Problemen und natürlich das, dass ich nicht nur für und durch meine Behinderung lebe. Wer weiss, warum mir das nicht gelungen ist. Vielleicht war das Grundkonzept des Textes schon festgelegt, bevor ich interviewt wurde. Ich weiss es nicht. Den Artikel habe ich selbst noch nicht gelesen, mir nur erzählen lassen. Bereits beim Foto und beim Titel hatte ich erstmal genug.

 

Wie ich mich sehe, ist eine Sache, wie ich wirklich aussehe, eine andere. Wirklich interessant ist aber, wie mich die Gesellschaft sieht: als so behindert, dass keine Kompetenz oder Attraktivität mehr zu erkennen ist. Wie die Behinderten nunmal so sind. Eine Zeitlang habe ich gedacht, dass sich die RP an einem längst überholten Klischee festhält. Zu unrecht und dass man das erkennen würde. Dann musste ich aber feststellen, dass ich bei Facebook Zustimmung erntete. Nicht für die schreckliche Fotowahl, sondern für die RP selbst. So hieß es, dass das Foto ja gar nicht so schlimm wäre. Und das war vielleicht noch schlimmer.

Publicity ist immer noch Publicity. Aber wie halt ich es aus und vor allem wofür? Für eine Sache, die nur ich als solche erkenne? Ist es das wert? Oder sollte ich das Ganze durchhalten, weil sich Qualität über kurz oder lang durchsetzt? Wenn man nur genügend Ausdauer und Durchhaltevermögen aufweist, aber habe ich denn dies? Ist es denn überhaupt wert? Ich werde mir die nächsten Tage und Wochen Zeit nehmen, es mir zu überlegen. Einen Hoffnungsschimmer gibt es: Im Nachhinein finde ich, die Artikel der Express über mich haben sich zum positiven hin verändert. Auch wenn ich die einzige bin, der es auffällt. Ich möchte als gleichwertige, intelligente und kompetente Person gesehen werden, vor allem in den Medien, da sie doch einen Aufklärungsauftrag haben sollten. Und dazu gehören auch Fotos, und auf denen hätte ich ungern dauerhaft, oder besser gesagt jetzt schon, einen Ausdruck wie auf einem Picasso-Gemälde.

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