Winterjacken machen nicht sexy

674000_web_R_K_by_Moni Sertel_pixelio.deWas ziehe ich heute an? Nicht unbedingt ein großes Schwerstbehinderten-Thema. Ein Thema, das alle betrifft. Und trotzdem kommt es mir so vor, wie allen anderen auch, dass es mich am meisten betrifft. Ich bin eitel, ein wenig, hatte ich das schon gesagt? Manchmal da weiß ich nicht, woher das kommt. Und jetzt werden mit der Zeit die Rollstuhlfahrer dem Stadtbild vertrauter. Ich muss sagen, dass ich nicht immer, wenn ich Frauen im Rollstuhl sehe, denke, „Wow, das muss ich auch“. Eher ist es so, dass ich denke „Oh nein!“. Vielleicht könnte ich auch mich daran erfreuen, mir einbilden zu können, dass ich besser aussehe, besser bekleidet bin. Aber dem ist leider nicht so, ganz im Gegenteil, ich muss, ob ich will oder nicht, daran denken, dass hier unberechtigter Weise ein Klischee bedient wird. Heute morgen zum Beispiel, da sehe ich eine Frau so um die 25 Jahre in witziger Weise dem gleichen Rollstuhltyp. Eine schwarze, dicke, sportliche, warme Jacke, die leider nicht nur warm hielt, sondern sich auch überall dahin wölbte, wo es nicht günstig wirkte. Eine Frisur, die keine war, wobei ich darüber schon überrascht war, weil der klassische Look im Rollstuhl ist ja, wenn man ein bißchen jünger ist, Pferdeschwanz von der Mutti gemacht, als ob alle Muttis der Welt einer DIN folgen würden, der dann mit der Zeit regelkonform auf eine bestimmte Höhe runterrutscht und sich am Haupt auswölbt, der dann vorschriftsgemäß nicht nachjustiert werden darf, weil „das muss so“.

Nein, das mit dem offenen Haar war was Neues. Frischer wäre besser gewesen. Aber vielleicht sollte ich den Mund halten, weil ich frisch gewaschenes gar nicht so sehr mag, ich sehe aus wie unter Strom gesetzt. Mit den natürlichen Fetten lassen sie sich viel besser hochstecken, aber für offen ist das ja nichts. Ich dagegen und böse der, der denkt, ich will mich loben, in einer Used-Jacke, die auch schon vorher so designed war. Alleine die Jacke machts. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich finde, dass Lederjacken oder alleine schon ihre Optik mehr Klasse ausstrahlen. Davon mal abgesehen, dass sie das richtige zu betonen verstehen und ich muss es ja wissen, da werde ich mit der Zeit allen meinen Vorsätzen zum Trotz immer anspruchsVoller.

Nichts gegen meine Jacken, aber, auch wenn ich mich bemühe, immer nur welche zu kaufen, die sich nicht ungünstig wölben, so ist dick und warm eingepackt nie vorteilhaft. Und im Rollstuhl halt schlimmer, weil das Vorteilhafteste auf ein Minimum gerafft wird. Man könnte vielleicht denken ich übertreibe, ich tue es nicht. Das Sitzen nimmt nicht nur mir die Silhouette, wobei ich vielleicht nicht die bin, die am lautesten weinen muss. Die Natur hat mich reichlich beschenkt und der Milcheinschuss von 1 hat sein Übriges hinterlassen. Nichtsdestotrotz kann man damit nicht alles machen, dennoch einiges. Das muss man dann jeder für sich herausfinden. So habe ich festgestellt, für mich ist der sportliche Look nichts. Prinzipiell gefällt er mir an Menschen in Rollstühlen nicht, es wirkt irgendwie widersprüchlich. Und bei mir spricht sich zusätzlich die Körperform dagegen aus.

Also was kann man tun, um trotzdem sexy zu sein? Ein Klassiker ist zum Beispiel auf jeden Fall überraschenderweise hohe Schuhe, auch wenn dadurch nicht die Hüften zum Schwingen kommen, so wirkt das Bein schlanker. Man muss sich vorstellen, dass, wenn der Oberschenkel ganz flach aufliegt, dann wird er natürlich dicker aussehen, als wenn er ein bißchen angehoben und nicht so platt gedrückt wird. Ansonsten was mir noch aufgefallen ist, ist, dass es ganz unterschiedlich ist. Zum Beispiel habe ich schon mal festgestellt, dass ein Pullover, der in dem einen Rollstuhl gut aussieht, in einem anderen noch lange nicht vorteilhaft aussehen muss. Während er in einem die Silhouette betont, kann man im anderen eckig wirken. Ich bezweifle, dass ich die Erste bin, der das auffällt. Es ist doch immer so, dass das eine vorteilhafter ist und das andere weniger. Nur was jetzt an meiner Idee neu ist, ist dass der Rollstuhl eine große Rolle spielt. Weil, ob er will oder nicht, so ein Rollstuhl richtet die Sitzhaltung individuell aus. Ich wünschte, und jetzt kommen wir wieder zu einem allseits beliebtem Running-Gag, ich hätte besser damals im Physik-, Biologieunterricht oder was auch immer Unterricht aufgepasst, dann könnte ich vielleicht auch erklären, woran das liegt. Und weil man ja immer vor der eigenen Haustür kehren sollte, muss ich so ehrlich sein, dass ich meinen manuellen Rollstuhl sehr stiefmütterlich erwählt habe. Ich habe wirklich, bevor ich das letzte Mal in den Urlaub gefahren bin, die Oberteile, die ich mitnehmen wollte, auf ihre Schieberollstuhltauglichkeit überprüft, damit ich mich nicht wieder wie der letzte Penner neben meiner hochaufgestylten Cousine fühlen würde. Und ich bereue nichts.

Ich kenne mich nicht wirklich in dem Angebot an Behindertenklamotten aus, aber als meine Mutti mich ihrer Zeit an dieses Angebot heranführen wollte,war ich in meinen damaligen Teenagerzeiten nicht begeistert von der Funktionalität, die als einziges berücksichtigt wurde.Gott sei dank ging der Kelch an mir vorüber, meine Mutter hatte gar nicht so viel Geld. Und jetzt, wo ich noch weniger habe, interessiert es mich nicht wirklich. Im Rahmen der Inklusion gehe ich eher davon aus, dass C&A und Co auch mich als Kunden bedienen können. Und das tun sie ja jetzt schon, für kleines Geld ohne Extrawurst.

(Foto: Moni Sertel  / pixelio.de)

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