Aus dem Hartz-Urlaub

561637_web_R_K_by_Dr. Klaus-Uwe Gerhardt_pixelio.deWie viel Auszeit ist gesund? Als ich arbeitslos war, war ich dem Koller nah. Immer wieder derselbe Trott, immer und immer wieder. Eigentlich konnte ich dann froh sein, ein Kind zu haben, das brachte den Tag den Ablauf, den er normalerweise durch den Job bekommt. Und ich kann auch nicht wirklich vor mich hin vegetieren. Ich hatte immer was zu tun und wenn es zwischendurch mal war Fotos zu meinen Kochrezepten zu machen. Und nichtsdestotrotz ist es schwierig etwas zu finden, was wirklich Sinn macht und dem eigenen Handeln ein Ziel gibt. Auch wenn ich ganz viel für mich selbst machen konnte, ist eine Arbeit umso befriedigender. Das vergisst man immer wieder, wenn sie einen nervt.

Jetzt bin ich nicht nur Hartzer, sondern auch Arbeitgeber. Und in dieser Eigenschaft wirkt Hartz IV viel gruseliger auf mich. Ich kann sie gar nicht mehr zählen, all die, die sich mit demselben Hintergrund bei mir beworben haben. So hatte ich zum Beispiel letztes Jahr jemanden eingestellt, auf den diese Eigenschaft zutraf. Leider auch alle Klischees und sonstige Merkmale, an die man nicht hätte denken wollen: süße 21 und schon Ehrgeiztod. Angeblich hatte das süße Ding Abitur, aber ich habe es nie gesehen, hatte dafür viele Gegenbeweise.

Wenn man jemanden mit 21 einstellt, dann erwartet man vielleicht nicht so viel an Berufserfahrung, dennoch wartet man auf Engagement. Ich wartete einen Monat lang und anstatt besser wurde es schlechter. Und umso länger es dauerte, desto weniger konnte ich es verstehen. Vielleicht ist ja jeder Mensch verschieden, aber Arbeit wird ja nicht schöner, wenn man beschließt, sich hängen zu lassen. Und bevor jemand da draußen denkt, ich übertreibe es und wäre ein Tyrann. Nach einer Weile war ich überrascht, dass mir die Frage „Wie mache ich das denn?“ apathisch nicht entgegengebracht wurde als ich verlangte, Wasser im Wasserkocher zu kochen.

Angeblich machte das Alles Zuhause der Papi. Ich weiß ja nicht, ich habe so viele interessante Geschichten gehört in Momenten, wo das Sprechen nicht zu anstrengend schien, dass ich ein Buch darüber schreiben könnte, aber den Inhalt würde mir sowieso niemand glauben und man würde mir eine krankhafte Phantasie nachsagen. Oder wie hört sich das an: Eine behinderte Mutter, die zwar gar nicht mehr in der Lage ist sich selbst zu versorgen, aber dennoch alleine wohnt, ein schwuler Vater und beide natürlich alkoholkrank, und und und. Und das alles in einer Familie. Irgendwann konnte ich es einfach nicht mehr hören und fragte mich, ob das Münchhausensyndrom real oder eine Münchhausen-Erfindung war. Zum Schluss habe ich die Wahrheit nicht erfahren, verlor aber das Interesse. Egal was nun tatsächlich stimmte, konnte das arme Ding einem Leid tun.

Bis, ja bis ich auf die Idee kam, dass das Ganze nicht so unschuldig war. Als ob Tatendrang und Dreistigkeit nicht auf dem selben Chromosom liegen würden. Nur weil man aussieht, als ob man im Wachkoma läuft, heißt das nicht, dass man nicht berechnend sein kann. Und ich wurde so lange provoziert bis ich keine andere Wahl hatte, als zu kündigen. Und siehe da die Antwort lautete, dass man froh über meine Entscheidung war und das ist jetzt kein Geheimnis, dass man als Hartz-IV-Empfänger nicht kündigen darf. Und was passierte bevor man gekündigt wurde, ja danach fragte auch kein Sachbearbeiter. Gott sei Dank nicht, denn es würde auch dann die Falschen treffen.

Ich war nicht nur wütend, weil ich verarscht worden war, obwohl ich versucht hatte, jemandem eine Chance zu geben. Nein, ich war auch wütend angesichts meiner eigenen Situation. Hartz IV sollte für sogenannte Notfälle da sein, nicht für Menschen, für die Arbeiten unter ihrer Würde ist. Nichtsdestotrotz mit ihr vor den Augen hatte ich immer daran denken müssen, dass ich mit meiner Behinderung und meinem Alleinerziehend-Dasein eine viel bessere Begründung nicht arbeiten zu gehen hätte, als eine gesunde 21-jährige, die gerade aus der Schule kam. Und ich glaube auch nicht, dass ich die Einzige bin, der es so oder ähnlich ergeht.

Hartz IV als Lebenskonzept? So gruselig wie es ist, das ist nicht nur Theorie, ja es gibt sogar Familien da ist es Tradition. Wie kann man den Teufelskreis durchbrechen? Mit strengeren Auflagen? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, Auflagen gibt es genug. Härtere Maßnahmen zu ergreifen würde gehen, aber nicht funktionieren. Die Menschen, die dann Respekt vor dem System hätten, sind die, die bereits jetzt diesen Respekt haben. Die, die sich davor drücken, würden es auch weiterhin tun. Man kann leider niemanden zu seinem Glück zwingen, nur überzeugen und manche sind nun mal beratungsresistent. Und das Schlimmste dabei ist, sie bestimmen das Klischee und bringen Hartz-IV-Empfänger in Verruf, der mit der Realität so gar nichts zu tun hat.

(Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt/ pixelio.de)

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