Zugehörigkeitsgefühl

224630_web_R_K_by_msommer_pixelio.deIch habe es nie geschrieben, auch wenn man sich das vielleicht denken konnte, eigentlich bin ich woanders geboren. Wenn man in letzter Zeit die Texte genau gelesen hat, hatte man vielleicht die leichte Vermutung, dass es vielleicht Polen sein könnte. Jaa, ich und Polen, ja darüber könnte man schon fast wieder einen eigenen Blog schreiben. Ich könnte jetzt behaupten, dass ich nicht weiß, wie es zu dieser eigenartigen Verbindung kommt, aber im Grunde, wäre das falsch, ich weiß es ganz genau. Die Episode war vielleicht kurz, vergleichsweise kurz, aber sie hat große Spuren hinterlassen. Spuren, die ich nicht so einfach loswerde.

Mal ganz von vorn, es ist sogar ein schwieriges Unterfangen für mich, darüber zu schreiben. Lange Zeit habe ich es verleugnet, so sehr wie ich es leugnen konnte. Schließlich war da der Akzent und bei diesem Akzent allein, wurde es deutlich, was für ein Problem ich da hatte, ich hab sogar versucht das überaus überbetonte „R“ in ein, wie ich damals fand, ein viel leichteres, nicht ganz so primitives „L“ zu verwandeln. Speziell war auch der Versuch zu vergessen, dass ich die polnische Sprache beherrsche. Und bis heute habe ich meine Probleme damit, aus Polen zu kommen. Woher das kommt? Nun, das ist wohl eine ganz individuelle Sache, vielleicht auch überraschend, weil die Polen ja sonst immer so übertrieben nationalstolz sind. Ok, vielleicht nicht alle, aber doch viele und sogar von dem übrig gebliebenen Rest ist wohl kaum einer körperbehindert. Ich dagegen schon und das ist auch des Rätsels Lösung. Es war nicht schön in den 80ern, in Polen behindert zu sein, überhaupt nicht schön.

Jetzt könnte der eine oder andere sagen, dass es zu diesem Zeitpunkt auch nicht schön gewesen ist in Deutschland behindert zu sein. Nun, das war mir zum damaligen Zeitpunkt egal, denn ich war ja in Polen und da, da war es nun mal furchtbar für mich. Grotesker Weise kann ich mich an nichts erinnern. Aber auch das macht mir Angst, dass es wohl so unschön war, dass ich den Schleier des Vergessens darüber ausbreiten musste. Und natürlich kann ich mich an Einzelnes erinnern und das, an das ich mich da erinnern kann, lässt mir die Lust auf mehr Erinnerungsvermögen vergehen.

Ich rede hier nur von den ersten 8 Jahren meines Lebens seitdem bin ich in Deutschland, mit 34 sind das über 3/4 meines Lebens. In meinem Pass steht drin, dass ich Deutsche bin und mir gefällt es. Immer wieder stoße ich auf eine besondere Art der Integrationshilfe. Ich weiß gar nicht, wie ich das bezeichnen soll, weil hilfreich finde ich es gerade nicht. Und da wirft sich mir eine allgemeine Frage zum Thema Integration in Deutschland auf. Was ist Integration? Warum ist es so, dass ich immer wieder das Gefühl habe, nicht angekommen zu sein?

Wie gesagt es liegt nicht an mir. Zumindest denke ich das. Denn für mich bin ich Deutsch. Ehrlich gesagt, ich komme besser mit der Mentalität zurecht. Und ich weiß, wie gut ich es hier hab. Ich weiß, dass ich die Chancen, die ich hier bereits nutze, nie und nimmer in Polen hätte, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Umso verwirrender ist es für mich, wenn ich immer wieder mit meiner Herkunft konfrontiert werde. Vielleicht kann nicht jeder verstehen, was für ein Problem ich mit dieser Herkunft habe oder wieso, denn man möchte es auch nicht jedem auf die Nase binden, es fühlt sich dennoch seltsam an.

Seit über 25 Jahren lebe ich nun in diesem Land, habe das Gefühl angekommen zu sein. Aber gehöre ich dazu? Wie gesagt, für mich schon und dennoch werde ich als „die Polin“ bezeichnet, wenn ich zu einer Feier etwas mitbringen soll, dann ist die Frage, ob ich nicht … mitbringen kann. Ich bin so sehr Polin, dass ich noch nicht mal weiß, was hier landestypisch als Beispiel verwendet werden könnte. Und das immer und immer wieder, mein Name klingt so komisch, ja weil ich anders bin, aber muss ich deswegen immer direkt darüber diskutieren, ob ich nicht aus Polen komme? Definiere ich mich nur über das Land, in dem ich geboren wurde? Wie lange muss ich denn hier sein bis ich mit unserer Gesellschaft, die ich als die meine ansehe, verschmelze? Mein Gott, ich hatte Pech, muss man mich bei jeder Gelegenheit darauf hinweisen? Global betrachtet weiß ich nicht, ob das auf Dauer gesund ist, wenn ein kleiner Anteil der Bevölkerung, die Ur-Deutschen, deren Anteil immer geringer wird, meinen, das bewusst oder unbewusst differenzieren zu müssen, den Aspekt des Herkunftslandes dermaßen betonen zu müssen. Integration ist eine Sache, ein gemeinsamer Nenner eine andere.

Mal von meinem persönlichen Schicksal abgesehen, wie differenziert ich das auch betrachten mag, ist es nicht eine Überlegung wert, ob positive Diskriminierung und Reduzierung, wenn nicht sogar die Aufarbeitung von Klischees und Sticheleien, der richtige Weg ist? Und wie so oft schreibe ich über ein Thema auf meinem Blog nur wenn ich eine bestimmte Stufe überwunden bzw. erreicht habe. Mittlerweile mache ich mit Polen meinen Frieden, die sind in der EU, die haben die Behindertenrechtskonvention anerkannt, die bauen Rampen, ja ich mache langsam meinen Frieden mit dem Land und die Betonung liegt auf langsam… auf einem sehr steinigen Weg. Nichtsdestotrotz dieser Frieden wird mich immer noch nicht zu einer Polin machen. Genau so wenig wie mich die Pizza letzte Woche zu einer Italienerin macht.

(Foto: msommer / pixelio.de)

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3 Gedanken zu „Zugehörigkeitsgefühl

  1. Und um den Gedanken noch zuende zu bringen:

    Denn wenn du ein gutes Herz hast und du für deine Werte einstehst, dann ist Aussehen, Herkunft und auch deine körperliche Behinderung einfach egal, denn das ist DAS EINZIGE, was wirklich zählt. Also: Solltest du ein solches Herz besitzen, und ich denke das tust du, dann sei einfach stolz du selbst zu sein.

    • Ich glaube es geht in diesem Artikel weniger um die eigene Identitätskrise, als um die von außen aufgezwungene.
      Die Autorin stellt ganz klar heraus, dass sie sich mit Deutschland identifiziert. Sie lebt hier nicht nur, sie lebt hier gerne und für sie stellt sich die Frage nach Integration gar nicht, da das Heimatsgefühl, die Zugehörigkeit, etwas ganz selbstverständliches für sie ist.

      Viel mehr finde ich, dass uns als Gesellschaft hier der Spiegel vorgehalten wird. Die Ausgrenzung, bzw Ausgliederung (aus unserer, von uns als so elitär empfundenen Gesellschaft) beginnt eben schon bei so kleinen, harmlosen Fragen wie: „Wo kommst du eigentlich her?“, „Was ist das für ein Akzent?“, oder auch ganz konkret „Du als Polin,… Türkin,.. Franzose…“. Ich unterstelle den meisten dabei noch nicht einmal eine böse Intention. Eher eine Unbedarftheit. Unwissenheit. Deshalb finde ich es wichtig, dass dieser Artikel eine Sensibilität dafür schafft. Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. In diesem Fall, der Verletzung dritter.

      Ich denke nicht, dass man an das Herz der Autorin, oder deren Stolz appellieren, diesen bestärken sollte (beides scheint sie zu besitzen). Man sollte anfangen die Essenz dieses Textes zu begreifen und darüber reden. Etwas bewegen. Und wenn man beisich selbst anfängt.

      Gruß
      Bastienne

  2. Hm, derzeit sind die Zeiten auch merkwürdig geworden. Plötzlich gibt es wieder aufpasser über die deutsche Kultur (wobei ich mich ja immer noch frage, was diese Aufpasser damit meinen und ich mir recht sicher bin, daß sie es selber nicht wissen) und eine Angst vor Überfremdung in Deutschland. Die Rechte ist wieder auf dem Vormarsch und zeigt auf, wo es hier überall „Fremdes“ gibt. Völliger Schwachsinn, wenn man mich fragt, aber es könnte einer der Gründe sein, warum du derzeit so oft mit der Nase auf deine polnischen Wurzeln gestoßen wirst (bewußt oder unbewußt).
    Aber es ist kein Grund sich zu schämen, selbst wenn du „anders“ bist. Ist es nicht das anders sein, was Menschen besonders macht und sie herausstechen läßt. Was ist ein Edelstein unter tausenden von Edelsteinen, nur ein weiterer Edelstein, aber ein Edelstein unter Kieselsteinen, der sticht herraus. Also: Sei anders, sei besonders, sei du selbst. Anders sein, heißt Vielfalt in diese Gesellschaft zu bringen. Darum sei ruhig ein bunter Farbklecks, der die Welt schöner macht und diesem tristen Grau der Normalität Farbe verleit. Schäme dich dafür nicht, und versuche eben nicht zu sein, wie alle anderen, sonderen sei du selbst und hab Freude daran du selbst zu sein, denn wenn du ein guter Mensch mit einem aufrichtigen Herzen bist, dann bereicherst du diese Welt mit deiner Anwesenheit.

    LG,
    Bernd

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