Perspektiven von Darstellung

704765_web_R_B_by_Karl-Heinz Laube_pixelio.deImmer wieder werde ich darauf angesprochen, dass man im Fernsehen einen Beitrag über Behinderung gesehen hat, wie überraschend. Was ich dazu für eine Meinung habe, ist ja wohl klar. Natürlich muss man Behinderte auch im Fernsehen zeigen, denn sie gehören zur Gesellschaft dazu, zum Stadtbild wie auch immer. Ist das nicht der Gedanke der Inklusion? Sie nicht mehr außen vor stehen zu lassen? Die Frage ist, wie werden sie dargestellt? Und da wundert mich nicht, dass es dem einen oder anderen aufstößt. Die Gründe hierfür können unterschiedlich sein und ich habe schon verschiedene Variationen der Empörung live und in Farbe miterlebt. Ich weiß nicht womit ich anfangen soll. Mit dem üblichen? Nein, zu langweilig. Weil ich sehr viele Aufreger zu dem Thema gesehen und gehört habe, fange ich vielleicht direkt mit denen an. Ich rege mich gerade noch in dem Moment darüber auf, wo ich daran denke, wohl das krasseste Beispiel, allein schon krass, weil es in meiner Familie stattfand und ohne überheblich zu klingen, gehe ich davon aus, dass meine Familie in der Lage sein sollte mit Behinderungen umzugehen. Das kann sie nicht.

Da sitz ich mit meiner Mutter bei meiner Tante zu Besuch und folgendes Gespräch hörte ich mit an: vielleicht sollte ich vorher noch erwähnen, dass das intellektuellste vom intellektuellen Fernsehen lief: eine Castingshow diesmal mit Tanzen yeah. Da tanzt noch ein Mädchen mit Down-Syndrom und meine Tante, ich will jetzt nicht böse sein, aber das Programm hat gepasst, regt sich darüber auf. Wie kann man sich darüber aufregen? In vielerlei Weise wenn es primitiv werden soll, ganz, ganz primitiv, das habe ich hier noch nicht gehört, ich war in Polen, „müssen die sowas zeigen?“, als ob sie jetzt was widerwärtiges gesehen hätte. Ich sage nichts, ich stand unter Schock. Noch bevor ich mich sammeln konnte, kommentierte meine Mutter, meine Mutter, mit der Betonung auf meine und Mutter gleichermaßen, dass sich XY auch immer darüber aufregen würde. Noch bleibt es neutral, aber dann führt sie aus und derjenige findet, das ‚total doof‘, hier zitiere ich nicht, die Wortwahl in diesem Zusammenhang soll nicht nur der künstlerischen Freiheit, sondern auch der Vorstellung des intellektuellen Horizontes der Person dienlich sein. Ach dumme und ignorante Menschen gibt es überall und wieder einmal habe ich das Gefühl, wie die Tanten von „Charmed“, an der Quelle allen Übels zu sitzen.

Was kann man dazu sagen? Was sollte man sagen? Weiter erläuterte meine Mutter, dass die oben nicht genannte Person das ja doof finden würde mit den Behinderten, weil sobald sie an irgendeinem Wettbewerb teilnehmen, würde man sie immer gewinnen lassen nur weil sie behindert sind und weil sie einem so Leid tun. Tja, was soll ich sagen? Ich muss Eindruck hinterlassen haben, nur halt einen sehr schlechten, dass man wegen mir alle Behinderten hassen muss. Wirklich mitleiderregend ist das, wenn jemand so komplett unauffällig ist, mal von der optimistisch-positiven Einstellung abgesehen, die einen dazu verleitet es an allen auszulassen. Aber besser das, als wenn der Neid sie zerfressen würde.

Jetzt geht’s, jetzt habe ich Abstand dazu, jetzt habe ich Zeit zu reflektieren, jetzt geht’s. Damals konnte ich nichts sagen. Wer hätte das schon, ich glaube am schockierendsten war für mich in dem Moment, dass meine Anwesenheit sie nicht aufhielt, dass daran zu erkennen war, dass eine politisch korrekte Denkweise zum Thema Behinderung nicht wahrgenommen wird oder sogar nicht notwendig erscheint. Oder war das schon die Light-Version? Was habe ich verpasst? Wäre da noch so viel Möglichkeit nach unten hin gewesen?

Sollte man Behinderte jetzt im Fernsehen zeigen oder nicht? Natürlich, jetzt noch mehr als je zuvor, alleine um solche Hohlköpfe zu ärgern oder auch bis der Allerletzte es als normal ansieht und nicht als Angriff auf seine Netzhaut oder Konkurrenz. Denn nur so werden sich die Menschen bewusst, dass Behinderte zur Gesellschaft dazu gehören wie alle anderen auch, auch wenn ich zugebe, dass zur Zeit noch sehr viel auf Mitleid gepocht wird in den Darstellungen und Sensationsgier. Mir geht’s hierbei um das große Ganze weniger um das Hier und Jetzt. Hauptsache für mich, Behinderungen werden gezeigt über optimal oder suboptimal kann man sicher noch später sprechen, aber eine Optimierung kann nur bei Bedarf von statten gehen. Wenn Behinderungen gar nicht erst dargestellt werden, warum sollte man darüber reden, ob diese oder jene Darstellungsweise optimal ist. Auch wenn ich Castingshows nicht sehen will und nicht verstehen kann, warum das andere sehen müssen, bin ich den Produzenten doch dankbar, weil sie als Nebenwirkung ihrer Sensationsgier eine lange Zeit vernachlässigte Diskussion entfachen.

(Foto: Karl-Heinz Laube / pixelio.de)

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