Schwimmen lernen

552183_web_R_by_birgitH_pixelio.deIch habe jetzt einen Schreibkurs angefangen. Vielleicht ist es eine logische Schlussfolgerung, ich schreibe diesen Blog und warum nicht mehr Inspirationen und Möglichkeiten kennenlernen, die das Schreiben vielseitiger machen. Erste Stunde, nach „ich weiß, dass ich nichts weiß“ folgt jetzt ein „jetzt weiß ich, was ich von damals wissen sollte“. Eine klitze kleine Übung, ein Ausgangspunkt in einer Situation und man soll das Geschehene weiterspinnen. Wäre mein Thema doch nur „Déjà-vu“ gewesen, so hätte ich direkt von der Front berichten können, live in diesem Moment. Es war wie damals in der Schulzeit, wo sie meinten, „jetzt los“. Schon damals konnte ich „jetzt“ nicht und „los“ musste sich erst entwickeln. Die Uhr, die dann zwar weiterläuft, ich weiß, aber für einen Selbst den Anschein hat als möge sie stehen bleiben. Das Blatt, was mich anstarrt, ich kann den Blickkontakt halten, aber gegen diese Leere kann ich dann doch nichts tun. Und ich überlege, überlege, mir wird warm vor lauter Überlegung. Die Blätter der Anderen, die füllen sich, links von mir auch rechts, diagonal einfach alle lassen die Stifte über das Papier wandern als ob es das Selbstverständlichste wäre und bei mir nichts. Ich schaue wieder auf mein Blatt, ich dachte man sagt, dass Papier geduldig sei, das fällt es mir jetzt schwer zu glauben. Das Weiß des Papieres scheint mich anzubrüllen oder ich bilde es mir ein, in einer Art Fieberwahn. Vielleicht hätte ich den dicken Schal vorher ausziehen sollen. Und dann ein Hauch einer Idee, nichts sinnvolles oder nennenswertes, gerade mal würdig genug, um verworfen zu werden. Oh Gott, wie ich das schon in der Schule gehasst habe. Da gab es den Herrn Müller, ich nenne hier nie Namen, zwar kann ich mich an seinen bösen Blick erinnern, aber um Gottes Willen nicht an seinen Namen und drittens habe ich letztens „Fack ju Göthe“ gesehen, ja Herr Müller hat mich gehasst. Und seine Augen verfolgten mich auch ohne Einbildung während solcher Übungseinheiten. Mein Blick wandert weiter, neidisch wundere ich mich über die Menge des Outputs aller Anderen. Bestimmt, hätten sie die Zeit mich zu beobachten, würden sie das bei mir auch. Seite für Seite in kleinster Schrift wie so ein Voyeur starre ich da hin.

„Schwimmen lernen“ sollte nur eine Metapher sein, schließlich sind wir in einem Schreibkurs. Einfach mal sich ins Wasser trauen, hier schreiben. Und keiner der Anwesenden konnte ahnen wie metaphorisch diese Metapher für mich war. Gott sei Dank ging es hier nur um das Schreiben, das war meine Rettung. Ich weiß, mehr Absaufen kann man in einer Schreibübung nicht, aber zumindest betrifft es nicht eine lebensbedrohliche Ebene. Wenn ich die Metapher verlasse und über meine tatsächlichen Schwimmfähigkeiten sprechen müsste, so müsste ich zugeben, dass ich nicht nur nicht in der Lage bin zu schwimmen, nein, ich kann, was sonst keiner tun würde. Meine Beine strecken sich aus, behinderungsbedingt haben die ein Vetorecht bei allem, was ich tue, und wenn sie sich ausstrecken, bietet sich natürlich auch an, dass sie dann auch in die Luft gehen. Im umgekehrten Sinne bedeutet das aber für den Kopf, dass er unter Wasser geht. Trotz zahlreicher Erfahrungen dieser Art, bin ich überrascht und muss erst mal tief einatmen. Ja, so fühlte sich das mit dem Schreiben an, da war die Metapher doch passender gewählt als es gewünscht war.

Als die Zeit für die kleine Übung abgelaufen war, unnötig zu erwähnen, dass die 10 Minuten mir länger vorkamen als die 80 Minuten vorher, war ich immer noch von mir enttäuscht. Wenn das in der Schule so war jedes Mal aufs Neue, so hatte ich in den letzten 30 Sekunden die Idee, die besser war als all die Ideen um mich herum, als alle Ideen vorher und keiner würde es erfahren. Dieses Mal blieb das jedoch aus. Um nicht ganz untätig zu wirken, das ist ein ganz großer Unterschied als zu sein, habe ich versucht mir Notizen zu machen für diesen Text hier gerade. Vielleicht, wenn ich einmal darüber schreibe, was mein Problem ist, könnte ich es verarbeiten oder zumindest für den einen oder anderen Lacher sorgen.

(Foto: birgitH / pixelio.de)

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4 Gedanken zu „Schwimmen lernen

  1. Also ich würd mir da gar nix denken. Wenn’s länger dauert, wird’s meistens besser. Jedenfalls bei mir.
    Überhaupt, viele Leute können nur unter gaaaaanz bestimmten Bedingungen schreiben. Daß eine solche „Schulklasse“ da nicht dazugehört, finde ich sehr verständlich, besonders wenn man schon vorher negative Erfahrungen gemacht hat.

    Ich streike in solchen Momenten immer extra: Wenn es eben nicht geht, dann mache ich es erst recht nicht. Um zu beweisen, daß ich es auch gar nicht muß.

  2. Interessant, ich nehme an, es war ein Kurs in einer VHS oder vergleichbar?

    Davon einmal abgesehen, glaube ich nicht, dass du noch „schwimmen lernen“ musst. Denn in Deinem Blog hast du bewiesen, dass du es gar nicht lernen musst, sondern Talent dafür hast. Talente kann man nicht lernen, nur nutzen. Der Kurs ist faktisch für dich also nur eine Verbesserung Deiner Talente.

    • Vielen lieben Dank, was für ein schöner Kommentar und was für ein schönes Kompliment und das auch noch an meinem Geburtstag! Aber Optimierung geht ja immer, wahrscheinlich kommt da wieder die Kaufmännin in mir durch.

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