Sex sales

673965_web_R_B_by_Jörg Brinckheger_pixelio.deWas für ein schöner Titel, den ich da mal kreiert habe, passend für die Sache, sogleich auch für die Intention und bestimmt mit so einem Titel kriege ich den einen oder anderen Klick, völlig uneigennützig. Genauso wie der Vorschlag in dem Kopf der Abgeordneten Scharfenberg war. Ach die Grünen, die sind nun mal speziell. Aber ist das spezielle nicht das, was die Politik unterhaltsam macht? Laut Experten wünschen sich Behinderte sexuelle Dienstleistungen. Jetzt wüsste ich gerne die Zahlen dazu, aber das ist nur so ein spezielles Dingen von mir. Wer wünscht sich denn keinen Sex? Aber gleich Sex-Dienstleistungen? Alternativ so ganz drauf verzichten?

Welche Expertenmeinungen sind es? Wo sind die Experten in eigener Sache? Und da ist es schon wieder, über die Betroffenen sprechen und nicht mit ihnen. Wollte keiner von der Front berichten in Bild und Ton, seltsam. Auf der anderen Seite, wer will schon über seine sexuelle Befriedigung sprechen? Und wie geht es weiter? Sex für alleinstehende Männer? Und danach für alle anderen auch? So kaufmännisch würde mich interessieren, was ist mit Mengenrabatt? Bewertungsportalen? Ich gebe zu, das Thema hat großes Potenzial. Wie heißen denn eigentlich männliche Prostitutierte? Oder, wenn das nicht genannt wird, kann ich dann davon ausgehen, dass es nur für Männer Sex auf Rezept geben soll? Vielleicht bin ich wirklich die falsche, die so einen Text schreiben sollte.

Es ist mal wieder interessant gewesen zu erfahren, was für eine Meinung im Großen und Ganzen und im übertragenen Sinne Experten über Behinderte haben, wie z.B. Eugen Brysch formulierte, dass Behinderte andere Probleme als ihre Sexualität haben, wenn sie Hilfen benötigen. Und es ist mal wieder ein langer, langer Weg. Denn ich benutze hier den Begriff „interessant“ nicht, weil mir sonst nichts anderes einfällt, sondern als die kleine Freundin von Scheiße.

Ich kann mir Sexassistenz gar nicht für mich vorstellen, aber ich bin auch nicht die Zielgruppe, auf die so ein Vorschlag gerichtet ist, wenn man sich am holländischen Beispiel orientiert. Ich stelle mir das ganz komisch vor, dass jemand dafür bezahlt wird, mit dem ich Sex habe. Ich glaube nicht, dass ich dann noch was vom Sex hätte. Sex ist doch etwas intimes. Jetzt überraschender Weise krame ich meine romantische Seite hervor, aber dazu gehört nun so viel mehr als der Akt als solches und da finde ich den Einwurf von Herrn Lauterbach berechtigt, dass man für Intimität sorgen müsste in Heimen. Und wenn alle drum herum Bescheid wissen, dann ist es weder Privatsphäre, noch Intimität. Dieses Problem gäbe es aber auch, wenn jemand von außen bestellt würde. Es wäre halt eine weitere Versorgungslücke, die man schließt.

Es erinnert mich ein bisschen daran, dass man mir eigentlich einen Freund, der selbst im Rollstuhl sitzt, zutraut. Als ob es nicht mal notwendig wäre, dass ich Sex habe. Hier ist das andersherum, man deckt das körperliche Bedürfnis ab, wo wir jetzt alle so aufgeschlossen sind und ganz offen über Sex und somit auch über Sex und Behinderung sprechen können. Aber was bei mir hängen bleibt, dass man als Mensch mit Behinderung das Liebenswerte abgesprochen bekommt, das Recht auf eine zwischenmenschliche Beziehung, zu der nun mal, wie bei allen anderen Menschen auch, Sex gehört. Es ist nur anders, nicht besser. Ich wage es auch zu bezweifeln, dass Menschen, die die Dienstleistungen von Prostitutierten in Anspruch nehmen wollen, nicht bereits jetzt schon wüssten, wie sie dies tun könnten. Wie muss ich mir das vorstellen? Wenn ich das nächste Mal mich mit jemandem unterhalte, dass ich gerne mal eine Beziehung auf allen möglichen Ebenen hätte, in der Realität formuliere ich es anders, aber das Prinzip wird klar, kriege ich dann nicht mehr gesagt, vielleicht gibt es so eine Internetseite für Behinderte. Kriege ich dann etwa gesagt, ich kann bei der Krankenkasse anrufen, die schicken dann jemanden? Leute, das klappt noch nicht mal bei den Reparaturen des Rollstuhls.

Sex gehört zum Leben dazu und behinderte Menschen müssen ohne wenn und aber der Gesellschaft gleichgestellt werden. Aber ob das der richtige Weg ist, wage ich zu bezweifeln. Es bleibt bei mir ein Nachgeschmack, dass es nur Mitleid ist und kein Zutrauen. Man sollte andere Wege finden, es Menschen zu ermöglichen. Und ich glaube, auch wenn man den Grünen unterstellen möchte, dass sie mit solchen Aussagen ins Fernsehen möchten, so sollte das jedoch ein letzter Ausweg sein und ich hoffe, so war es auch gemeint. Wer bin ich, dass ich für andere entscheide, was sie wollen? Bin ich dann nicht genauso, wie die Menschen, die Behinderten den Sex absprechen?

(Foto:Jörg Brinckheger / pixelio.de)

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