Haar krass

593755_web_R_B_by_Nadrci_pixelio.deIn letzter Zeit investiere ich in mich und meinen Körper. Ich meine, es gibt aktuell keine Zinsen und weil die Gesetzeslage so ist wie sie ist, wobei sie sich ja auch schon gebessert hat, jetzt darf ich schon 5.000€ ansparen, nicht nur 2.600€. Aber wie gesagt bei der Zinslage bin ich sicher nicht die Einzige, für die sich eine Geldanlage nicht lohnt. Neuestes Projekt sollte sein, mir dauerhaft meine Haare entfernen zu lassen, an Stellen, wo ich sie wirklich nicht gut gebrauchen kann, auch wenn da die Sonne nicht hin scheint. Wer weiß, wann das noch nützlich sein könnte.

Das war alles recht spontan, ich bin an einem Haarentfernungsinstitut vorbei gelaufen vor zwei Wochen und dann dachte ich mir, du hast ja schon so oft darüber nachgedacht, fragst du einfach wie viel das kostet, ob das geht, wie lange das dauert und so weiter. Nun, was soll ich sagen mit über 370€ ist das sicher nicht billig, aber wenn man dagegen rechnet wie viel Mühe man mit den Alternativen hat und wie viele Cremes man drauf schmiert in der Hoffnung, dass die Pusteln verschwinden bevor die Haare wieder kommen, dann ist so ein Betrag auf jeden Fall lohnenswert. Ein Hoch auf die Liegefunktion meines Rollstuhls. Die Mitarbeiterin meinte, man könnte das auf jeden Fall versuchen. Und Leute, auch wenn ich nicht darüber geschrieben habe, ist es sicher nicht das erste ungewöhnliche Projekt, was ich umsetze. Zwei Wochen musste ich noch warten und ich hasse das. Wenn ich ein neues Projekt in Angriff nehmen will, dann am liebsten sofort.

Dann war es endlich soweit. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil ich Blutverdünner nehmen muss, hat sich zwischenzeitlich ergeben, und die Behandlung wäre ja auch alle sechs Wochen gewesen und ich hab’s eilig. Ich habe mich sogar bei den Ärzten erkundigt, ob das irgendein Problem darstellt. Die meinten „Nein“, also wollte ich den Termin aufrechterhalten. Ich ging also da hin, nichts Böses ahnend zu „Haarpunkt“. Und ich hatte mich auf alles seelisch vorbereitet auf Schmerzen, auf Rötungen, auf alles mögliche. Schließlich wurde mir gesagt, dass, wenn das Beratungsgespräch gut verläuft und ich mich dafür entscheide, man schon die erste Sitzung abhalten könnte. Und ich habe ja noch Pläne dieses Jahr, ich hab’s eilig.

Leider kam alles anders als erwartet. Wirklich, das habe ich gar nicht bis selten erlebt. Ich kam da an und man erklärte mir, dass die Kollegin, die den Termin ausgemacht hat, reingeschrieben hatte, dass ich im Rollstuhl sitze und dass die das leider zu spät gesehen hätten, sonst hätten sie mich noch angerufen. Dann wurde ich gefragt, welche Stelle ich enthaaren wollte. Nee, dann wird es auf jeden Fall schwierig. Ich meinte, dass ich mich in dem Rollstuhl komplett hinlegen kann, dass das kein Problem sein dürfte. Schon an der Stelle hatte ich kein gutes Gefühl, als ob sie mir nicht glauben wollen würde. Und die andere meinte, es wäre sowieso nur ein Beratungsgespräch. Und jetzt dachte ich mir, mit der zwischenzeitlich dazu gekommenen Diagnose wird es sicher nicht einfacher.

Ich füllte den Bogen aus. Dann kam die Beratung oder so etwas ähnliches. Ein Tonband abzuspulen wäre sicher nicht schneller gewesen, so schnell wie sie gesprochen hatte, so schnell konnte man nicht zuhören. Ich war eigentlich nur froh, dass ich das schon mal gehört hatte, sonst hätte ich nichts verstanden. Sie blätterte meinen Bogen durch, wusste nicht, was sie sagen sollte. Dann dachte ich mir, vielleicht sollte ich sie auf die eingetragene Diagnose hinweisen. Da hatte sie nämlich schon drüber hinweg geblättert. Ihre Kollegin wollte noch googeln, ob das geht. Eine Frage, die sich mir aufdrängte, will ich von so jemandem überhaupt behandelt werden? Sie schien weder Geduld, noch Freundlichkeit, oder Kompetenz zu besitzen. Und wie wäre das bei Komplikationen, müssen die dann auch googeln? Macht man für so was nicht irgendwie eine Ausbildung?

Dann kam die genauso unkompetente, aber unverschämte Filialleiterin rein, die erklärte mir, dass man mich mit dem Krankheitsbild nicht dieser Behandlung aussetzen möchte und ich meinte, ob sie mir gerade erklärt, dass sie mich nicht behandeln will oder dass sie mir von einer Behandlung abrät. Nein, sie kann mich so nicht behandeln. Ich meinte, ob ich denn dann wiederkommen soll, wenn die Beschwerden abgeklungen sind. Nein, es wäre wegen der Sicherheit, das würde nicht gehen. Ich meinte dann, ob sie mich jetzt nicht behandeln will, weil ich im Rollstuhl sitze. Und da fing sie wieder etwas von Sicherheit an zu erzählen. Was tut man denn jetzt? Ich meine in einem Institut, was mir ein dermaßen schlechtes Bild vermittelt, das mich offensichtlich nicht behandeln will. Ich kann sie ja nicht zwingen mich zu behandeln und zum anderen wenn die mein Geld nicht wollen, werde ich es ihnen nicht aufzwingen. Ein blöder Fehler, da musste ich an „Pretty woman“ denken. Die konnten ja nicht wissen, dass wenn die schlimmsten Haare weg gewesen wären, dass mich die anderen mindestens genauso gestört hätten und ich wahrscheinlich irgendwann keine Härchen in den Ohren gehabt hätte.

Also bin ich zu aller Sicherheit oder zur Sicherheit aller gegangen. Sicherheit, das muss man sich merken, wahrscheinlich wäre es auch am sichersten gewesen, mich damals im nächsten Fluss zu ertränken zur Sicherheit halt. Es wäre auf jeden Fall sicherer gewesen für den Topf, aus dem meine Rollstühle bezahlt werden. Ich verstehe das nicht, ich kenne so viele kritische Blicke, ja. Aber so etwas? Die wollten weder eine Verzichtserklärung, noch ein ärztliches Attest haben. Ich dachte die Welt wäre weiter. Ich bin raus gegangen als Mensch zweiter Klasse. Das Schlimmste ist, die Welt wird sich nicht ändern, soweit einem Menschen wie mir sogar solche Türen verschlossen bleiben können.

(Foto: Nadrci  / pixelio.de)

 

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