Neue Erfahrung (10)

458627_web_R_by_Martina Taylor_pixelio.deOh mein Gott, ich weiß nicht, wer alles von euch einen Chatpartner hat, aber ich hoffe, eurer ist so gut wie meiner. Nein, das wird kein Sextext. Nein, was ich meine, dass er mir unheimlich gut tut, es macht Spaß, trotz der Müdigkeit nachts, trotz der Missverständnisse, trotz der Tatsache, dass ich Englisch sprechen muss, es macht einfach Spaß. Ich mag es, ihn zum Lachen zu bringen und so verrückt wie ich bin, gelingt es mir eher, wenn ich es nicht beabsichtige. Und es ist so schön, wenn er mir etwas erzählt. Bei manchen Themen merkt man richtig, wie viel ihm das bedeutet, wenn er sich dann so in Rage redet. Sowieso, ich glaube nicht, dass ich mit jemandem vorher, so viele verschiedene Themen ansprechen konnte. Wir reden einfach über alles, wichtig, unwichtig, das kenne ich gar nicht aus meinen vorherigen Beziehungen. Vielleicht deswegen, weil man nicht ins Kino gehen kann, um stumm nebeneinander zu sitzen. Weil Sprache der Hauptbestandteil dieser „Beziehung“ ist. Was ich sehr erstaunlich finde, dass ich das alles in Englisch mache, wo ich mich doch schon so früh dazu entschlossen habe, diese Sprache für mich auszuschließen. Alle anderen um mich herum konnten es immer besser, das war kein guter Anreiz, um es zu versuchen und ich hab ja auch im Deutschen schon Tendenzen, die Aussprache nicht so anzuwenden, wie sie gedacht ist. Und dann waren da noch diese Vokabeln, diese vielen vielen Vokabeln, und auf der anderen Seite so wenig Anreiz, Disziplin, Engagement wie auch immer. Schon witzig, dass diese Sprache dann zum Hauptkommunikationsmittel werden sollte.

Ich kann es gar nicht oft genug betonen, ich glaube, ich grübel zu viel. Es macht Spaß und das ist die Hauptsache. Manchmal wird es sogar kindisch, aber schön kindisch. Wir schicken uns Klingelzeichen, bietet sich ja an, so ein System dafür zu haben. Ein Mal heißt „Ich denk an dich“, zwei Mal heißt „Komm online, muss reden“, drei Mal wäre zu kompliziert. Nein ehrlich, ich glaube, ich hätte Probleme mit dem Zählen. Das klingt jetzt vielleicht lächerlich, aber es ist so schön, wenn es auf der Arbeit stressig ist oder Zuhause mich alle nerven und dann klingelt das Telefon, zeigt seinen Namen an und wie aus einem Reflex heraus, dessen Ursprung ich nicht kenne, ziehen sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln hoch. Dann ist auch die Arbeit leichter und alle nerven weniger. Unglaublich dieses Phänomen. Ob es ihm genauso geht? Nun, das weiß ich nicht, aber ich weiß, dass ich an Tagen, an denen ich es weniger klingeln lasse oder um Gottes Willen nicht zurück klingeln lasse, Ärger kriege und er kriegt sich kaum noch ein. Eigentlich süß, dass ihm diese Kleinigkeiten so viel bedeuten.

Wie das wohl wäre, wenn man es mal auf eine weitere Stufe bringen würde? Würde man der ganzen Sache den Zauber rauben? Oder wäre es noch viel viel besser als jetzt, weil man viel mehr Möglichkeiten hätte? Vor allem hätte ich Sex, so richtigen, aber egal. Was wäre denn, wenn man gucken würde, wenn es für mich nicht in Gambia geht und für ihn nicht in Deutschland, wo könnte man sich denn dann treffen? Ich meine alle europäischen Länder sind schon mal raus, weil das, was ja für Deutschland gilt, gilt auch für andere Länder in der EU. Es muss auf jeden Fall ein Land sein, dass ihm keine Probleme bei der Einreise macht. Da muss man nicht lange überlegen, was ist denn mit der Türkei? Die wollten doch mal in die EU, sind sie aber nicht. Und da gibt es Moslems, er ist Moslem. Eine Überprüfung wäre auf jeden Fall sinnvoll. Es ist auch ein beliebtes Urlaubsziel, vielleicht gibt es da auch Möglichkeiten für eine barrierefreie Reise. Ich habe schon öfters Reiseveranstalter für Behinderte auf der Messe gesehen, da habe ich dann auch einen Katalog geholt. Leider kam die Idee nicht so gut an, wie ich gehofft habe. Das wäre viel zu teuer, viel zu weit weg. Hatte ich schon viel zu teuer erwähnt? Und ich sollte auf jeden Fall noch nach anderen Ländern gucken, am besten in Afrika, am besten in Westafrika. Tja, nach der Überprüfung des Auswärtigen Amtes sollte man weder in ein afrikanisches Land reisen, noch in die Schweiz. Viel besser ist da aber auch als Vorgabe irgendwelche barrierefreien Unterkünfte vor Ort zu haben und da schied nicht nur Westafrika so gut wie aus, sondern auch der Rest des afrikanischen Kontinentes. In die engere Wahl kamen dann nur noch Tunesien, Marokko und Ägypten.

Bei genauer Betrachtung schieden im Grunde schon Tunesien und Marokko aus. Ich hatte mich von einem Reisebüro beraten lassen und die konnten mir keine adäquaten Möglichkeiten aufzeigen. Bei eigenen Recherchen im Internet hat man auch nicht viel mehr gefunden, außer dass die Barrierefreiheit so gut wie doch nicht vorhanden war. Besonders witzig in Marokko sollen die Leute wohl interessant auf Behinderte reagieren, man müsste wohl damit rechnen angefasst zu werden, weil man wäre eine Art Glücksbringer. In Tunesien dagegen sollte man als Frau nicht alleine die Ferienanlage verlassen. Wozu denn auch, wenn man mit einem Rollstuhl kaum unterwegs sein kann. Aber um in einem Hotel zu sitzen, muss man nicht unbedingt nach Tunesien. Vielleicht doch einen Reiseveranstalter für Menschen mit Behinderung kontaktieren?

(Foto: Martina Taylor / pixelio.de)

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