Neue Erfahrung (21) – Fluchtgefahr

304650_web_R_by_Walter Reich_pixelio.deUnd kann man das nicht wirklich nachvollziehen, dass jemand sein Leben verbessern möchte? Wie hieß damals noch dieser Plan nach dem II. Weltkrieg mit dem Deutschland geholfen wurde sich zu regenerieren? Gab es da nicht auch irgendeine Art Unterstützung? Wie wäre es den gewesen, wenn man nicht geholfen hätte? Uns geht es doch hier so gut, dass wir vielleicht gar nicht mehr wissen können, wie es ist, wenn man nicht weiß was man essen soll. Doch das wissen wir schon, aber das „was“ ist was anderes. Da ist die Auswahl die Qual. Aber das ist ein Luxusproblem. Ich meine wirklich, wenn man nicht weiß was man essen soll, weil man nichts hat. Das wissen wir nicht mehr. Wie überheblich ist es denn dann, zu behaupten, dass die Leute da bleiben sollen wo sie herkommen, wenn man ihre Not nicht nachvollziehen kann? Wenn man mit verschiedenen Menschen spricht, dann hört man „Ja, Kriegsflüchtlingen sollen ja kommen“ und so weiter. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass es ein Paradesatz geworden ist. Ich bin nicht ganz so der Arsch, wenn ich zumindest sage, dass ja die Kriegsflüchtlinge kommen sollen. Wäre ja noch schöner. Aber ich bezweifle auch, dass man dann sich wirklich um diese Leute sorgt. Ich glaube, dass der gesellschaftliche Druck so etwas sagen zu müssen auch eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Das gehört sich einfach so im christlichen Abendland. Vor allem, wenn man will, dass die Leute einem weiter zuhören. Eigene Erfahrung.

Schwierig. Ich überlege jetzt einfach weiter. Soweit die Kriegsflüchtlinge hier sind brauchen sie auch wie ein Wirtschaftsflüchtling wirtschaftliche Hilfen. Dann ist der Grund der Unterstützung vielleicht löblicher, aber finanziell sollte das im Einzelfall keinen großen Unterschied machen. Sehe ich das richtig? Jetzt Gegenargument: die Menge macht’s. Wenn wir die Wirtschaftsflüchtlinge einmal hier reinlassen, dann werden sie ja alle kommen und unser ganze schönes System würde zusammenbrechen. Kann man es dem Einzelnen verübeln? Muss ich persönlich wirklich Angst haben, wenn Flüchtlinge in unser Land kommen, dass weniger Geld für meine Versorgung da ist? Vielleicht im größeren Ausmaß, das müsste ich erst mal nachrechnen. Ich wage zu bezweifeln, dass das andere bis zum bitteren Ende durchkalkuliert haben, auch wenn sich ihre Argumentation danach anhört. Und diese Argumentation ist schon beeindruckend, ich gebe es zu. Wenn man sie nicht hinterfragt und sie sich nur anhört, dann ist es überzeugend. Gilt übrigens auch für die Gegenmeinung. Vielleicht ist das auch der klassische Fall von „Die Wahrheit wird schon irgendwo in der Mitte liegen.“ Wenn man aber mit den Zahlen so ein bisschen rumspielt. Eine Million Flüchtlinge, diese Zahl ist unglaublich groß. Das klingt so nach der Überflutung einer Menschenmasse. Und die Arche kann nur den Namen „Nationales Bewusstsein“ tragen. Wenn man aber das ausrechnet, großzügig abgerundet 82 Millionen Einwohner in diesem Land. So, und eine Million Flüchtlinge. Sagen wir mal, dass bei der Volkszählung von 2016 diese Flüchtlinge schon berücksichtigt waren und ein Teil der 82 Millionen sind, dann sind nur 1,22 % Flüchtlinge hier. Und wenn man diese Zahl berücksichtigen würde, hört sich das nicht mehr nach den Menschenmassen an, die einen erdrücken und niedertrampeln wie die Nashörner in Jumanji.

Können wir die Augen vor den Problemen der anderen verschließen? Ich habs jetzt nicht so mit dem Christentum und anderen Religionen, aber basieren sie nicht auch alle auf der Idee der Menschlichkeit? Und das Argument als Atheistin verstehe ich dann doch. Menschlichkeit. Das klingt jetzt so schwülstig, auch wenn es stimmt. Ein anderes Argument ist Verantwortung. So würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren, wenn wir uns nicht für andere verantwortlich fühle würden. Und vielen würde es viel schlechter gehen, wenn es nicht so wäre. Ich will jetzt keine Aufzählung machen und dennoch will ich mich zuerst nennen. Aus der puren Dankbarkeit ist es mir nicht möglich, anders darüber zu denken, warum sollte ich das nicht anderen auch gönnen wollen wenn ich selber davon profitiert habe. Und apropos profitieren. Ist es nicht so, das wir Europäer von anderen Ländern auch profitieren? Ländern in denen Armut herrscht? Werden dorthin nicht Nicht-Filetstücke verkauft? Weil uns das einfach nicht mehr fein genug ist? Nur als Beispiel genannt. Ein anderes Beispiel ist die Überproduktion der Milch die dann wiederum zu Milchpulver verarbeitet wird, aus der Joghurt in Afrika hergestellt wird, der so günstig verkauft werden kann, dass die Milchbauern vor Ort nicht mithalten können und keine Geschäftsgrundlage mehr haben. Wie passt das mit den Spendenaufrufen zusammen? Es scheint so, als ob die ohne unsere Hilfe gar nicht zurecht kommen könnten. Tatsächlich verursachen wir mitunter dieses Leid.

Es wird keine einfache und vor allem schnelle Lösung geben. Aber sich den Problemen nicht zu stellen ist das am weitesten entfernte einer Lösung. Mal über den Tellerrand hinausschauen bevor man handelt, sich zu überlegen, was für Auswirkungen hat es. Man kann nicht an einer Schraube drehen, ohne dass es Auswirkungen auf das große Ganze hat. Natürlich ist es schön, dass Lebensmittel weitergegeben werden, ohne was zu verschwenden, gut für uns. Aber wir halten damit die Märkte drüben klein. Und müssten wir uns noch über Flüchtlinge unterhalten, wenn es keine Fluchtursachen geben würde? Denn ich kann es gar nicht oft genug betonen, dass sie fliehen kann ich nachvollziehen, und ich glaube nicht, dass es einem von uns an deren Stelle anders ergehen würde.

(Foto: Walter Reich / pixelio.de)

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