Filmkritik: Don’t Worry, weglaufen geht nicht

Ich habe mir letztens „Don’t Worry, weglaufen geht nicht“ angesehen und anschließend auch eine Kritik gelesen. Den Film fand ich sehr gut. Im Zusammenhang mit der Kritik noch überraschender. Kurz zum Plot: der Film basiert auf einer wahren Begebenheit oder besser gesagt, auf einer Biografie. Der 21-jährige John Callahan wird bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt und ist anschließend querschnittsgelähmt. Jetzt könnte man meinen sein ganzer Leidensweg, mit der Behinderung zurecht kommen zu müssen, füllt die nächsten 90 Minuten. Ja, das auch. Ich glaube, so ganz ohne geht es nicht, aber viel interessanter ist auch, dass er Alkoholiker ist und durch die Alkoholsucht wird die Behinderung zur Nebensache, sehr sehr interessant. Natürlich werden Situationen dargestellt, in denen er mit seiner Behinderung klarkommen muss, aber sein Hauptziel ist es ‚trocken‘ zu werden, denn Laufen wird er nicht mehr lernen.

Ich fand es sehr beeindruckend. Anfangs ist der Film sehr verwirrend, weil verschiedene Szenen gezeigt werden zu verschiedenen Zeitpunkten und man weiß gar nicht, wie man das Ganze einordnen soll. Es beginnt sehr düster, unbeholfen, verwirrend, rastlos. Und dann ist der Punkt erreicht, wo man das Gefühl hat als Zuschauer, dass mit der Behinderung eine Art Hoffnungsschimmer in sein Leben tritt. Ob es die Behinderung ist oder sich das rein zufällig nur ergibt, kann ich nicht sagen. Das wäre sehr grotesk, einen Schicksalschlag als Hoffnungsschimmer zu betrachten, und dennoch kommt im Laufe des Films seine Geschichte zur Ruhe. Er sucht die anonymen Alkoholiker auf, kämpft sich durch die 12 Schritte und findet eine Aufgabe im Karikaturenzeichnen.

Ja, die Karikaturen. Manche sehr witzig, andere missverstanden. Andere wieder schlecht, aber meistens doch alles politisch unkorrekt. Auch das hat mir gefallen. Und da weiß man nicht, ob man einen Film gut findet oder einen Menschen. Ich meine, der Film beruht ja auf einem Menschen. Einem Menschen, der einen sehr schwarzen Humor hatte und warum kann man dem Thema Behinderung nicht auch mit Humor begegnen? Dadurch bekommt der Film auch was Unterhaltsames. Mal von den Karikaturen selbst abgesehen, die Reaktionen der Menschen hierauf waren sehr interessant und lustig.

Wie gesagt, ich fand das sehr schön, mal einen Film über einen Menschen mit Behinderung zu sehen, bei dem die Behinderung nicht einzig und allein im Vordergrund stand. Und man das Gefühl hat, man müsste aus Respekt und Mitleid den Film zuende sehen. Das erinnerte mich auch daran, was mir persönlich wichtig ist. Dass die Behinderung zwar nicht völlig zu kompensieren ist, aber sie ist sicherlich nicht das Einzige, was einen Menschen im Rollstuhl ausmacht. Auch wenn man im Rollstuhl sitzt, hat man Interessen, Leidenschaften. Und das stellt der Film unverblümt dar. Ob die 70’er Jahre wirklich so waren? Was das Thema Behinderung angeht, auf die Erfahrung der 70’er verzichte ich gerne, die 80’er waren auch noch nicht ideal. Und auch heute gibt es Optimierungsbedarf, der Weg ist noch nicht zu Ende. Aber was die Sexualität angeht, war das sehr überraschend. Ja ich weiß, Sexualität war in einigen Jahrzenten zwangloser, als sie vielleicht heute ist, aber in einem Behindertenfilm? Mein Sohn hat den Film teilweise mitgeguckt, und sehr oft sollte er aus dem Fenster gucken. Man sieht da nichts schlimmes, aber es ist dann doch ein sehr lockerer und überraschender Umgang mit der Thematik Behinderung und Sexualität. Denn auch Behinderte haben Bedürfnisse. Und diese zu befriedigen scheint vor der #metoo-Debatte einfacher gewesen zu sein. Tja. Ich habe den Film gesehen, ich weiß, was ich damit sagen will. Näher möchte ich darauf nicht eingehen.

Mein Fazit: Ich kann den Film jedem ans Herz legen, auch wenn er nicht im Rollstuhl sitzt. Es brachte mich zum nachdenken, auch auf eine andere Art und Weise. Wie gesagt, ich befürchte, bei dem Thema Behinderung eine Odyssee zu sehen, die in die tiefsten Abgründe des Selbstmitleids verfällt. Hier ist das nicht so. Überraschenderweise obwohl die Handlung in den 70’ern spielt, gibt es bis in die heutigen Tage Parallelen. Das Versorgungssystem, die Geldgeber, die Abhängigkeit von anderen und das Angewiesen sein auf Gefälligkeiten und die daraus resultierende Ohnmacht. Da lob ich mir die Assistenz. Meine Lieblingsszene, aber das scheint nur so ne Macke von mir zu sein, jeder der öfter mal auf meinem Blog ist, hat vielleicht schon gemerkt, dass ich ein bisschen auf meinen Rollstuhl fixiert bin, da hab ich diese Fixation wiederentdeckt: Der Moment, in dem ihm sein elektrischer Rollstuhl ausgehändigt wird, ist einfach herrlich. Das Symbol der Unabhängigkeit. Mit Grenzen, ich geb es zu, aber auch ein Rollstuhl kann das Wohlbefinden verbessern. Und das Gefühl, tanzen zu können, kommt mir auch bekannt vor. Alles in einem, sehr empfehlenswert.

Kinostart ist am 16.08.2018.

 

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