Neue Erfahrung (26)

362829_web_R_K_B_by_Rainer Sturm_pixelio.deAlles hat eine Ende nur die Wurst hat zwei. Oh jetzt habe ich es vorweggenommen wie der Brecht. Wie ging es mit Monsieur aus Gambia weiter? In der Türkei schon mal nicht. Schade. Dabei hatte man ein Jahr lang über nichts anderes gesprochen. Schon komisch wenn so eine ganze Ära zu Ende geht. Aber was für Möglichkeiten hätte ich sonst gehabt? Aus Gambia braucht mal ungefähr für Überall hin ein Visum. Es gibt nur vereinzelt Länder, wo er hätte visumfrei hinreisen können und diese sind wiederum beim Auswärtigen Amt genauso beliebt wie Gambia selbst. Davon mal abgesehen, dass ich es nicht für richtig gefunden hätte, dass ich den ganzen Weg gehe und er gar nichts davon, ist es noch so, dass ich gar nicht entscheiden wusste, in welches der Länder ich fahren will, weil ich auch niemanden gefunden hätte, der mit dorthin begleitet.

Und er war natürlich enttäuscht, weil es ja bedeutet dass ich nicht kommen will. Von seiner Perspektive aus betrachtet, wäre das irgendwie machbar, mit der Behinderung und dem Rollstuhl, wenn ich nur irgendwie sollen würde. Ich könnte schon irgendjemanden überzeugen, mich zu begleiten. Dabei habe ich doch herum gefragt, aber ich kann und will niemanden zwingen, davon mal abgesehen, wieder die Argumentation mit dem Weg und wer wie viel gehen sollte. Das war doch das Schöne an der Türkei, ich wäre die Hälfte gegangen, er wäre die Hälfte gegangen und jeweils hätte man keine Verpflichtungen gehabt, hätte gesehen, dass der jeweils andere es ernst meinst und hätte es dann doch nicht funktioniert, wäre man nach Hause gefahren ohne Katastrophen erlebt zu haben. Und so sind wir wütend aufeinander. Er auf mich, weil ich ja nicht nach Gambia kommen will, weil ich es nicht mal versuche. Und ich auf ihn, weil er nicht verstehen will, dass es nicht geht und es nicht mit Ländern probiert, die für mich doch möglich wären. Obwohl es sicher auch witzig wäre. Ich der man nichts zugetraut hat, plötzlich da, mit meinem Lifter im tiefsten Afrika. Alleine zu wissen, dass es funktionieren würde, dass ich es geschafft hätte, das wäre reizvoll gewesen. Ich hätte was erreicht. Und witzig, schon in der Vergangenheit hieß es ja, dass ich noch nicht mal nach Afrika könnte, was soll man denn dann mit mir? Wäre es nicht schön gewesen, es vielen Leuten auf einmal zu zeigen? Aber vor allem mir selbst. Aber dafür war es doch zu umständlich.

Und so ging das erst mal eine Weile hin und her. Wir stritten uns und vertrugen uns wieder. Zwischendurch kam heraus, dass er enttäuscht ist, dass ich ohne ihn in die Türkei geflogen bin. Er konnte sich halt nicht vorstellen, dass dann mein ganzen Geld weg gewesen wäre, wenn ich mich entscheiden hätte zuhause zu bleiben. Er hätte gedacht, dass ich das Geld dann investiert hätte um nach Gambia zu fliegen. Parallel habe ich auch die Möglichkeiten hier vor Ort überprüft, was ich machen kann, um ihn hierhin zu holen. Es gibt zwei Möglichkeiten. Zu einen die Einladung samt Verpflichtungserklärung und die wiederum dazugehörige Bonitätsprüfung, die ich nach Adam Riese und anderen, sicher nicht bestehen würde. Die andere Option sieht ungefähr so aus, dass ich ein Heiratsvisum beantragen würde. Oder würde er das beantragen? Ich weiß es nicht so ganz. Dazu müsste ich erst die Ehe angemeldet haben. Dazu fällt mir auch noch eine Redewendung ein „Die Katze im Sack kaufen“. Und ich glaube dazu bin ich nicht verrückt genug. Davon mal abgesehen, um eine Bonitätsprüfung komme ich auch da nicht herum. Also wird das auf lange Sicht erst mal nicht. Auch wenn der Reim lustig kling so finde ich den Inhalt nicht witzig.

Ich habe versucht ihm zu erklären, dass es mindestens noch eine Weile dauern würde, erst mal müsste ich noch mehr verdienen und so weiter. Wohl wissend, dass ich die Entscheidung somit nur verschiebe, weil wenn ich sogar mehr verdienen würde müsste ich dieses finanzielle Risiko immer noch auf mich nehmen wollen und mir den Sack samt Katze zulegen wollen. Und ich kann mir das nicht vorstellen, dass die Gespräche noch so gut sind in den nächsten 1-2 Jahren und wir beide das so durchhalten, dass ich das dann noch wirklich will. Ich hätte ihn so gerne vorher getroffen. Dann erzählte er er hätte diesen Bekannten hier, den Bekannten da und vielleicht könnte er sich nach Schweden einladen lassen, und wir müssten nur noch warten. Und dann wieder Streitereien.

So geht es Tag ein Tag aus. Und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet mir Religion zur Hilfe kommt? Was letztes Jahr völlig unter den Tisch gefallen ist, und wo ich ein Stück weil belogen wurde war der Ramadan. Der hatte mir zwar letztes Jahr erklärt, dass es gläubig ist und fünf Mal am Tag betet aber der Ramadan, der wäre ganz locker. Und außerdem während des Ramadan letztes Jahr war der Onkel krank und er zickig deswegen. Ungefähr mit dem Ablauf des Ramadan ging es dem Onkel wieder besser und ich habe mich seit jeher gefragt, wie der Ramadan sich angefühlt hätte, wenn der Onkel keinen Unfall gehabt hätte. Ich wusste nicht, ob diese Zickereien und die schlechte Laune die er hatte, wirklich an dem Onkel liegen würde oder ob die schlechte Laune vom Hunger kam. Dieses Jahr wurde meine Frage mit aller Wucht beantwortet. Erstmal ging es ganz langsam los und dann immer heftiger. Die Laune war immer schlechter. Und dann kam noch mein Unverständnis dazu. Den ganzen Tag nicht zu essen? Von mir aus, aber in der heißen afrikanischen Hitze zu arbeiten und nicht zu trinken ist doch dämlich. Und er ließ dann nicht mit sich reden. Meine Argumentation, die ich persönlich sehr logisch fand, machte ihn noch wütender. Was mich wiederum dazu veranlasst hat, mal nachzufragen, ob er sich das denn so vorstellen würde, wenn wir mal zusammen sind, dass ich normal esse und ich dann ins Bett gehen will, er anfängt zu kochen und bevor ich aufstehe ich geweckt werde weil er schon wieder kocht, oder noch immer. Und jetzt wo meine Familie mich gefühlt drei Mal die Woche zum Grillen einlädt, würde ich da immer alleine hingehen? Und was war nochmal mit dem Schweinefleisch? Er wollte das doch letztes mal noch probieren, er hätte es zwar noch nie gegessen, aber er könnte es ja versuchen. Dieses Jahr hieß es plötzlich, ich könnte das doch niemals erwarten, er wäre ja Moslem und würde das niemals tun.

Tja. So geht die Geschichte zu Ende. Der Islam als mein Retter. Zumindest habe ich jetzt eines mehr auf der Liste von Dingen, die ich nicht will. Einen Hardcore-Moslem in meinem Haus. Nachdem ich immer noch mit den Hardcore-Christen zu tun habe, wenn ich mich mit meiner Familie treffe. Und hinweg ist die Romantik und die Vorstellung davon, wie ich meine Hardcore-katholische Familie schocken könnte. Ich hätte mir einen Kompromiss gewünscht, den konnte er nicht vorschlagen und ich wollte nicht die einzige sein, die Kompromissbereitschaft zeigt. Wer bin ich denn? Die Frau, die sich zu beugen hat? Denn das Symptom wurde auch zu Tage getragen. Und ich weiß nicht, ob es besser ist, wenn ich das mit der Dehydrierung erkläre. Unsexy. Aber das wollte er auch nicht hören. So einigten wir und darauf, dass wir uns nicht einigen können und dass es besser ist getrennte Wege zu gehen. Und jetzt starrt mich mein Handy gar nicht mehr an. Er ist nicht mehr online, um zu sehen, ob ich online bin. Auch nicht mehr zu unseren Zeiten. Und er wartet nicht mehr ab, ob ich schreibe. Und ich warte nicht mehr ab, ob er sich zuerst meldet. Ich warte auf eine Entschuldigung, von der ich weiß, dass ich sie nicht kriegen werde.

(Foto: Rainer Sturm / pixelio.de)

Ein Gedanke zu „Neue Erfahrung (26)

  1. Es ist schon sehr schwierig eine Verbindung einzugehen, bei der man von Anfang an riesige Kompromisse eingehen muss. (Moslem – kein Moslem) Das birgt soviel Explosionstoff in sich, dass es schon so eine Art „Seelenverwandter“ sein muss für ein derartiges Risiko. Klingt klugscheißerisch, ich weiß, aber du bist ja zu einen ähnlichen Schluss gekommen.
    Alles Gute für dich
    Weena

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