Ohne Ausweg?

139377_web_R_K_by_Paul-Georg Meister_pixelio.deIch werde oftmals auf Filme angesprochen, und was ich von ihnen halte. Filme wie „Ziemlich beste Freunde“ oder auch „Ein ganzes halbes Jahr“. Ich wäre gerne auch auf „Solange ich atme“ angesprochen worden, mein Sohn hatte mir versprochen, er guckt sich den mit mir im Kino an. Und als dann die Zeit reif war, lief der nicht mehr. Den hätte ich gerne gesehen, denn so wie ich mir das vorstelle, dass die Idee, sich von seiner Behinderung nicht einschränken zu lassen, im Vordergrund gestanden hätte, das hätte ich schön gefunden, aber jetzt muss ich halt warten, bis der im Fernsehen läuft. Während „Ein ganzes halbes Jahr“ nie von mir gesehen wurde, denn ich kann mich ja nicht nur für Behindertenthemen interessieren. Und diese Liebesgeschichte, die dann mit dem Tod endet, weil das alles so schlimm ist, ist nicht reizvoll. Ich konnte auch die Kritik nachvollziehen, dass so eine Darstellung im Grunde ein Leben mit Behinderung nicht lebenswert macht. Egal was man um sich hat, wie glücklich man sein könnte, alleine die Behinderung macht das Leben nicht mehr lebenswert. Das ist eine Sichtweise. Ich sehe das so: wenn man das als Film betrachtet, ist die Botschaft des Films kritisch zu betrachten. Ich weiß jetzt nicht, ob er auf einer wahren Begebenheit beruht oder nicht, denn die Filme mit den wahren Begebenheiten können ja nicht mehr ausdiskutiert werden. Aber wenn es sich um Fiktion handelt, dann sieht es anders aus. Würde man sich das aber nicht zu leicht machen, wenn man sagen würde, jedes Buch, jeder Film muss ein glückliches Ende haben? Ich glaube, mittlerweile ist es noch nicht mal mehr in Bollywood-Filmen so und das will was heißen. Ich denke dennoch, dass es keine gute Wirkung hat, wenn man einen solchen Film sieht, nichts mit Behinderten zu tun hat und dann wird der Freitod als einziger Ausweg dargestellt. Wobei ich auch schon gehört habe, dass der gute Mann unter Depressionen litt und dass daher der Freitod gewählt wurde. Jetzt werde ich mir im Urlaub selbst meine Meinung bilden können, weil ich das Buch geschenkt bekommen habe und es endlich lesen werde. Dabei werde ich auf die Darstellung der Depression achten, ob man sie übersehen kann. Weil eine Depression und eine Behinderung sind nochmal zwei verschiedene Paar Schuhe.

Natürlich löste der Film dann auch die Diskussion aus über den Freitod im Zusammenhang mit körperlichen Gebrechen. Und wie gesagt, ich kann die Empörung der Behindertenvereine nachvollziehen, weil es ganz schnell den einen Beigeschmack hat. Aber wie sieht das für den einzelnen aus? Darf man sich über diesen Wunsch hinwegsetzen? Und vor allem wie ist das, wenn man eine Krankheit hat, eine Behinderung, die mit extremen Schmerzen verbunden ist, und diese Schmerzen nur bedingt in den Griff zu kriegen sind. Keine Aussicht auf Besserung. Das darf nicht ignoriert werden, eine Behinderung ist behindernd und einschränkend, aber wenn man nur mit ihr Leben muss, ist es bei weitem was anderes als wenn man an ihr leidet. Wenn jeder einzelne Tag zur Qual wird, wenn es nur noch anstrengend ist, sind Schmerzen wirklich lebenswert? Ich für meinen Teil, ich hatte Anfang des Jahres eine Thrombose und das waren Schmerzen, die konnte ich mir bis dahin nicht vorstellen. Doch, eigentlich nach der Entbindung, als es zu Komplikationen kam, nur halt schlimmer. Ich hatte meine Rationen an Schmerzmitteln, aber gefühlt brachten die nichts. Es tat immer noch höllisch weh, so, dass ich mich gefragt habe, wann wohl der Punkt erreicht ist, wo man vor Schmerzen ohnmächtig wird. Ob es wohl diesen Punkt überhaupt gibt. Ich hätte ihn mir herbei gewünscht. Aber ich musste durch. Und das macht wohl den Unterschied. Ich wusste, ein bis zwei Wochen, und dann wird’s besser. Und es wurde wirklich besser. Aber was ist denn, wenn meine Erkrankung nicht besser wird? Wenn nur noch mit schlimmeren Schmerzen zu rechnen ist? Wie kann man das denn aushalten? Muss man das denn noch aushalten? Für wen denn?

Mit meiner Behinderung kann man gut klarkommen. Ich gebe zu, an manchen Tagen besser und an anderen wieder schlechter. Aber ich muss auch zugeben, wenn ich die Schmerzen, die ich auf Grund der Thrombose hatte, dauerhaft hätte ertragen müssen, glaube ich nicht, dass ich es lange durchgehalten hätte. Soviel lebenswertes war da auch nicht mehr. Ich lag nur da und hatte Schmerzen und dann hatte ich, wenn ich angefasst wurde, mehr Schmerzen. Und dann hatte ich Schmerzen, weil ich zu viel lag. Noch mehr Schmerzen, weil ich anders hingelegt wurde. Und dann hatte ich wieder Schmerzen, weil ich anders lag. Und dann hatte ich mehr Schmerzen, weil ich hingesetzt wurde. Und dann hatte ich Schmerzen, weil ich saß. Und so weiter.

Bin ich jetzt für Sterbehilfe? Ich sehe weiterhin die Gefahr, dass es salonfähig werden könnte. Das hatten wir doch schon mal? Hört sich blöd an, aber manchmal hört man Äußerungen um Behinderungen, die der Normalsterbliche für nicht möglich hält. Selbstmitleid ist auch so ’ne Sache. Es ist so schwierig, das zu beantworten. Man sollte doch immer Hilfe bekommen, wenn man Hilfe braucht. Seien das Psychotherapien, seien das Schmerzmittel oder andere Hilfestellungen. Und im Grunde ist das doch auch die Form von Selbstbestimmung, die ich immer proklamiere.

(Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de)

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